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Vorsicht Mord


Ein Akt der Tierliebe

 

Huch!“ Erschrocken zog Sara die Hand zurück. Sie schaute sich die Pflanze mit den hübschen blauen Blüten genauer an, ohne sie anzufassen. Tatsächlich, es handelte sich um Eisenhut, der sich zwischen den prächtig blühenden Rittersporn gemogelt hatte.

In Gedanken hörte sie die warnende Stimme ihrer Großmutter: „Fass diese Pflanze niemals mit den bloßen Händen an, Kind. Sie ist sehr giftig. Du bekommst überall böse rote Flecken. Es heißt, dass das Herz stillsteht, wenn man nur ganz wenig davon zu sich nimmt.“

„Oder wenn man jemandem etwas davon ins Essen tut, Oma?“, hatte die kleine Sara atemlos gefragt, worauf ihr die Großmutter den Kopf tätschelte. „Du kommst auf Gedanken, Kind. Wer macht denn so etwas!“

Sara erhob sich, drückte den Rücken durch. Ihr Garten und vor allem die große Kräuterspirale waren ihr ganzer Stolz, ihr Ruhepol. Sie war froh und glücklich, dass sie das kleine Reihenhaus mit dem schnuckligen, kleinen Garten ergattert hatte. Sie hatte lange genug dafür kämpfen müssen. Nun war sie rundum zufrieden, wenn nicht ...

Nebenan öffnete sich ein Fenster im ersten Stock. „Ich hoffe Sie vergessen nicht, dass jetzt Mittagsruhe herrscht. Also warten Sie mit dem Rasenmähen“, erklang eine laute, knarzende Stimme. Seufzend wandte sich Sara dem Fenster zu. „Ja, Herr Küddel, ich weiß das. Ich würde es niemals wagen, Sie in Ihrer Mittagsruhe zu stören.“

Der Angesprochene wackelte mit dem Kopf, sodass seine feisten Wangen hin und her schlabberten. ‚Wenn er jetzt noch sabbert, dann sieht er aus wie eine Dogge’, dachte Sara und unterdrückte ein Kichern.

Herr Küddel reagierte sofort. „Machen Sie sich über mich lustig? Unverschämtheit, wo ich Sie nur auf die allgemeine Ordnung aufmerksam mache. Es ist ein Trauerspiel, dass das überhaupt nötig ist!“ Mit einem Knall schloss er das Fenster.

„Nicht so laut, es ist Mittagsruhe“, murmelte Sara. Die Lust an der Gartenarbeit war ihr vergangen. Sie beschloss, sich eine Tasse Kaffee zu kochen, sich auf die Terrasse zu setzen und über ihr Problem nachzudenken.

 

Während sie auf ihren kochend heißen Kaffee pustete, überlegte sie, wie sie mit dem Problem Küddel fertig werden könnte. Das Ehepaar hatte das Reihenhaus nebenan kurz nach der Heirat erworben, also vor Urzeiten. Hinzu kam, dass die Ehefrau eine Cousine von Saras Vermieter war. Das Paar verhielt sich so, als würde ihm der ganze Straßenzug gehören. Eigentlich noch schlimmer. Angefangen von der Sauberkeit des Bürgersteigs vor Saras Tür bis zur Lautstärke des Rasenmähers und der Tatsache, dass sie eine Katze hatte, störten sich die Küddels an allem, was Sara tat oder unterließ. Irgendwann hatten sich die beiden sogar schriftlich beim Vermieter beschwert, weil Sara keine, ihrer Meinung nach, ordentlichen Gardinen vor ihren Fenstern aufgehängt hatte, was dieser mit einem Schulterzucken abtat.

All das hatte Sara mit stoischer Ruhe ertragen. Im Gegenteil versuchte sie diesem Pärchen mit Nächstenliebe zu begegnen. Letztens hatte sie der verhuschten Frau Küddel auf deren Bitte sogar entsprechende Kräuter für einen Gesundheitstee zusammengemischt.

„Sie kennen sich so gut mit Kräutern aus und wir haben doch beide immer Probleme mit dem empfindlichen Magen, mein Heinz-Josef und ich. Ich habe genau gesehen, dass Sie auch Kräuter trocknen. Erst wollte Heinz-Josef was sagen, aber ich habe ihn davon überzeugt, dass es uns nicht stört. Wir wollen es ja auch nicht umsonst haben. Sagen Sie nur, was es kostet.“

Sara hatte abgewunken, einen Beutel mit Magentee zusammengestellt, den sie der Frau vor ein paar Tagen in die Hand gedrückt hatte. Sie hoffte, dass diese gute Tat das nörgelige Ehepaar besänftigen würde. Wie schockiert war sie gewesen, als sie kurz darauf in den Garten kam und den Nachbarn dabei erwischte, wie er mit seiner mobilen Wäschespinne mehrfach nach ihrer Katze schlug, die sich auf seine Parzelle verirrt hatte. Als er die schockstarre Sara bemerkte, schulterte Nachbar Küddel die zweckentfremdete Wäschespinne und knurrte: „Ist doch wahr, das Vieh kackt ständig alles voll.“

Sara stellte energisch die halbvolle Kaffeetasse ab. Sie hatte bisher alles hingenommen, was das Ehepaar an Gemeinheiten in Petto hatte, doch diese letzte Attacke sprengte den Rahmen des Erträglichen. Sollte sie das Ehepaar kurzerhand mit dem Auto überfahren oder, was unauffälliger war, vor den Bus schubsen, der fast vor der Haustür hielt? Sie lächelte grimmig. Schubsen, das war schon einmal gut, aber noch besser waren beide in der Sickergrube in ihrem Garten aufgehoben, dort würden sie von ihren eigenen Fäkalie erstickten. Egal wie, die Küddes mussten weg. Das war eine Sache des Tierschutzes, besser noch ein Akt der Tierliebe. Warum sollte Sie dem Ehepaar nicht noch einmal ein Päckchen Tee zusammenmischen. Wo die beiden doch einen so empfindlichen Magen hatten.

Von diesem Gedanken gestärkt und erheitert trank Sara den restlichen, jetzt kalten Kaffee. Entschlossen stand sie auf, griff sich ihre dicken Gartenhandschuhe und schlenderte beschwingt in den Garten.





Pläsier d’Amour

 

Rosi wusste es genau: Er betrog sie wieder einmal. Gleich, als sie bei der Party von Manfred Amadeus Meier, dem Bürgermeister, vorgestellt wurden, hatten bei ihr alle Alarmglocken geläutet, denn die Bürgermeistersgattin entsprach seinem Raster aufs Genaueste. Wie die ihn angeschmachtet hatte. Das Luder schien genau zu erkennen, dass sie es hier mit einem leichtfertigen Mann zu tun hatte.

„Warum denn so steif, nennen sie mich Lucinda“, hauchte sie ihn an, der förmlich in ihrem großzügigen Ausschnitt versank.

Rosi war schnellstens eingeschritten. „Ach sie sind die neue Gattin unseres lieben Bürgermeisters?“

Leicht irritiert schaute das Luder von oben auf sie herab: „Und sie sind?“

„Rosi Armand, Ludger und ich sind schon seit 25 Jahren verheiratet.“

Der mischte sich jetzt, sehr zu Rosis Unwillen, ein. „Meine Rosi, das ist schon eine ganz Handfeste“, sprach’s und tätschelte ihren gut gepolsterten Rücken.

„Ah - ja, man sieht es“, Lucinda, das Luder, grinste sowohl anzüglich als auch boshaft. Rosi hätte ihr am liebsten den Inhalt des Sektglases ins Gesicht geschüttet, doch Manfred Amadeus, entspannte, wenn auch unwissentlich, die Situation. „Liebes, ich glaube du kennst die Lüdtke-Bohmerts noch nicht.“

Im Laufe des Abends behielt Rosi ihren Mann gut im Auge, was diesem bewusst zu sein schien, denn er wagte kaum einen Blick in Richtung des Bürgermeisterehepaares.

 

In der Folgezeit verdoppelte Rosi ihre Aufmerksamkeit, rief ihn öfter als gewöhnlich im Büro an, stand pünktlich zum Feierabend vor seiner Versicherungsagentur. „Ich hatte solche Sehnsucht nach dir, mein Schnurzel.“

Ludger schien sich nicht wohl in seiner Haut zu fühlen, sagte aber nichts. Auch in sexueller Hinsicht versuchte Rosi, ihn voll und ganz zufrieden zu stellen. Sie schlüpfte des Abends in die gewagtesten Dessous, dachte sich ungewöhnliche Stellungen und neue Rollenspiele aus, doch schien ihn ihr Verhalten eher zu irritieren als anzuturnen. Er verzog, wenn sie im kleinen Durchsichtigen das Schlafzimmer betrat, genervt das Gesicht, drehte sich auf die Seite und schnarchte bald vor sich hin.

Alle ihre Bemühungen blieben umsonst. Zunächst schob er Überstunden vor: „Die Arbeit häuft sich, mein Rosenresli. Zudem muss ich immer mehr Kundenbesuche machen, die Kundschaft heute ist halt anspruchsvoll!“

’Ja, sicher. Lucinda, das Luder, wird dich schon auf Trapp halten’, dachte sie und durchsuchte heimlich seine Kleidung, fand auf dem Revers seines Saccos tatsächlich ein blondes, langes Haar. Als nächste Demütigung dachte er sich eine mehrtägige Fortbildung aus. „Es ist wichtig, dass ich auf dem Laufenden bleibe, mein Schatz.“

Ihr Angebot, ihn zu begleiten ignorierte er. Natürlich, denn er würde sicherlich in blonder Begleitung sein. Rosie hielt es nicht länger aus, musste sich vergewissern. Also verabschiedete sie ihn liebevoll, schließlich sollte er keinen Verdacht schöpfen, und folgte ihm einen Tag später nach Bad Zwischenahn.

„Dieses Hotel ist das perfekte Liebesnest. Für wie blöd hält er mich“, murmelte sie vor sich hin, während sie das ‚Romantikhotel Jagdhaus’ ansteuerte, doch zu ihrem Erstaunen fand das von ihm erwähnte Seminar tatsächlich hier stattfand. So parkte sie den Leihwagen unauffällig hinter dem Hotel.

Bevor sie ausstieg, musterte sie sich noch einmal im Spiegel und lächelte zufrieden. Mit der dunkelblonden Perücke und ihrer supergroßen Sonnenbrille würde sie niemand erkennen. Festen Schrittes betrat sie die Lobby und prallte entsetzt zurück. Auf dem Sofa einer gemütlichen Sitzgruppe rekelte sich die Bürgermeistersgattin, während Ludger an einem Aperitif nippte, eifrig auf sie einredete und immer näher rückte. Wahrscheinlich schmiedete das Pärchen Pläne für den Abend. Rosi ging hinter einer künstlichen Palme in Deckung und beobachtete, blutenden Herzens, das traute Téte-á-téte. Jetzt hob auch Lucinda ihr Glas und stieß mit Ludger an, nicht ohne ihm tief in die Augen zu schauen. Das war einfach zu viel, Rosi machte auf dem Absatz kehrt und stürmte, blind vor Tränen aus der Lobby.

Auf der Rückfahrt, wieder einigermaßen gefasst, überkam sie ein unbändiger Hass auf ihren untreuen Ehemann. Was hatte sie nicht alles für ihn getan, alles gegeben. Trotzdem trieb er es mit diesem blonden Luder und gaukelte ihr, die anständig bis auf die Knochen war, eine reine Liebe vor. „Das wird er büßen“, murmelte sie vor sich hin.

Zu Hause angekommen schmiedete Rosi eifrig Pläne und wartete auf den späten Abend, an dem sie ihn anrufen wollte.

„Hier Ludger Armand“, meldete er sich etwas atemlos. Sie glaubte an ihrem Hass zu ersticken, malte sich die Szene in allen Einzelheiten aus: Lucinda lasziv auf dem Bett und Ludger …

“Hallo, wer ist denn dort? Bist du das, Rosenresli?“, unterbrach er ihre Gedanken.

Sie räusperte sich, zwang sich zur Freundlichkeit. „Ja, ich bin es, mein Schnurzel. Ich will dich gar nicht lang‘ stören. Will nur wissen, wann du morgen Heim kommst. Weißt, ich möchte uns ein schönes Menü zaubern, zur Feier des Tages ...“, sie verstummte abrupt, horchte auf Hintergrundgeräusche. Das Luder schien sich bemerkenswert in der Gewalt zu haben, denn es war nichts zu hören. Ludger klang erfreut. „Aber du störst doch gar nicht.“

’Lügner, Mistkerl’, dachte sie, gurrte jedoch. „Ach Schnurzelchen! Kannst du mir eine genaue Uhrzeit nennen?“

„Ich werde versuchen ganz pünktlich zu sein. So bis 20 Uhr müsste ich‘s schaffen. Falls mir etwas dazwischen gerät, melde ich mich rechtzeitig bei dir.“

„Wage es nicht irgendwo dazwischen zu geraten“, der Satz war raus, noch ehe ihn hinunterschlucken konnte.

Er lachte dröhnend. „Das ist mein Rosenresli, wie es leibt und lebt. Ich freue mich auf dich. Bussi-Bussi.“

 

Am nächsten Morgen wachte Rosi ausgeschlafen und gut gelaunt auf. Nach einem kräftigen Frühstück machte sie sich daran, alle Utensilien für ihren Plan zusammenzusuchen. Einen festen Strick und einen Stuhl fand sie in der Garage. Der alte Küchenstuhl ächzte zwar schon ein wenig, aber für ihre Zwecke würde er reichen. Was sollte sie die neuen Stühle verschandeln, wo es das alte Ding auch tat. Jetzt musste sie nur noch einen schönen festen Ast am Apfelbaum suchen. Prüfend sah sie sich um. Ja, dieser Ast erschien ihr perfekt und hatte zudem die richtige Höhe. Zur Probe platzierte sie den Stuhl darunter, hievte sich hinauf und schaute sich triumphierend um.

Jetzt musste sie nur noch ein delikates Abendessen vorbereiten, das wollte sie zusammen mit Ludger genießen, wenn dieser sie gerettet und angemessen getröstet hatte. Sie würde ihn leiden lassen, ihm vor Augen führen, dass er sie fast getötet hätte. Sie malte sich aus, wie er auf den Knien vor ihr lag, ihre Hände, noch besser die Füße, küsste und um Verzeihung wimmerte.

„Verzeihen ja, aber vergessen nie“, würde sie ihm entgegenschmettern.

Rosi gönnte sich noch ein Gläschen Sekt, bevor ihr großer Augenblick nahte. Sie hatte das mit Pailletten bestickte Kleid angezogen, sich zurecht gemacht und sah auf eine tragische Weise gut aus.

Schon bog der Wagen in die Auffahrt. Rosi stellte sich auf den Küchenstuhl und legte die gut befestigte Schlinge um den Hals. Sie ging probeweise kurz in die Knie, der Stuhl knarrte protestierend, das Seil spannte sich. Doch wo blieb Ludger?

Endlich stieg er aus, in den Händen einen großen Blumenstrauß. Rosi gab ein gekonntes Ächzen von sich und ging noch einmal leicht in die Knie. Wieder knarrte der Küchenstuhl. Er hatte sein Leben lang jede Last getragen, doch jetzt kapitulierte das Möbel, brach schier unter Rosi weg.

Ludger drehte sich, ob des Geräusches, verblüfft um, ließ den Strauß fallen, spurtete zum Apfelbaum und fing seine Frau im letzten Moment auf. Er zögerte, hielt sie einen Augenblick lang fest. Dann tat er einen entschlossenen Schritt rückwärts und ließ sie los. „Wenn das dein Wille ist“, murmelte er.

„Mist“, das war Rosis letzter Gedanke.

 

Der Sarg polterte unsanft in die Grube, einem der Träger war das Band aus den Händen gerutscht. Ludger zuckte zusammen, trat dann vor und ließ eine Schaufel voller Sand auf den rosengeschmückten Sarg rieseln. Manfred Amadeus klopfte ihm bürgermeisterlich und sichtlich bekümmert auf die Schulter und auch Lucinda drückte ihm mitfühlend den Arm.

Beim anschließenden Kaffeetrinken setzte sich das Pärchen zu ihm. „Lucinda hat mir berichtet, dass sie sich kurz vor dem Unglück zufällig in Bad Zwischenahn getroffen haben und das Kulturförderungsprogramm besprochen haben. Dieses Thema liegt meiner lieben Frau sehr am Herzen.“ Unvermittelt stand Manfred Amadeus auf. „Entschuldigung, dort sehe ich gerade Herrn von der Lendt...“

Lucinda beugte sich zu Ludger hinüber, wobei sie ihm einen großzügigen Einblick in ihr, auch in Trauerkleidung bemerkenswertes Dekolleté gewährte.

Mit einem gekonnten Augenaufschlag raunte sie: „Ich weiß, dass sie sehr viel Rücksicht auf die teure Verstorbene genommen haben. Vielleicht können sie jetzt etwas mehr Zeit für mich erübrigen. Ich werde mich nach Kräften bemühen, ihnen über ihre Trauer hinwegzuhelfen.“


 

 

 

 

Tödliches Schlafwandeln

 

„Sie können sich wirklich an gar nichts erinnern? Das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen“, sagte der Krankenhausarzt, während er gekonnt den letzten Schnitt auf Linas Unterarm nähte.

Sie zuckte mit den Schultern. „Wirklich, Herr Doktor, ich kann mir selbst nicht vorstellen, woher die Schnitte kommen.“

Der Arzt hielt einen Augenblick Linas Arm fest und betrachtete die jetzt versorgten Schnittwunden. „Saubere Schnitte, das war ein ziemlich scharfes Messer“, stellte er fest. Dann sah er Lina in die Augen. „Sie haben aber keine Probleme, nicht wahr. Falls das doch der Fall wäre, so könnte ich dafür sorgen, dass Ihnen geholfen wird, wirklich.“ Einen Augenblick stutzte Lina, dann verstand sie, was der Arzt meinte. Sie hatte neulich erst einen Bericht über selbstverletzendes Verhalten bei Teenagern gelesen. ‚Ritzen’ wurde das genannt. Sie schüttelte entrüstet den Kopf. „Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass ich mich absichtlich verletzen würde! Ich wüsste nicht, aus welchem Grund ich so etwas tun sollte. Georg, ein Mann, ist Anwalt. Er arbeitet hart, ist öfter unterwegs, aber wir führen eine ausgesprochen gute Ehe. Leider hatte er gestern wieder einen auswärtigen Termin, der länger als erwartet dauerte, sodass er dort übernachtet hat. Er liebt mich sehr und macht sich Sorgen, weil ich ...“, Lina zögerte einen Augenblick.

„Ja?“, fragte der Arzt interessiert nach.

„Nun ja“, fuhr Lina fort. „Ich kann bereits seit längerer Zeit schlecht einschlafen und habe schon alles Erdenkliche ausprobiert: Schäfchenzählen, Baldrian, eine Bachblütenkur, autogenes Training. Es hilft alles nicht. Schlafe ich endlich, so träume ich sehr intensiv. Es ist mir in der letzten Zeit sogar schon passiert, dass ich aufwachte und mich nicht mehr in meinem Bett befand. Jedenfalls habe ich in der letzten Nacht geträumt, dass ich in die Küche gehe, weil ich Hunger habe. Ich wollte mir Brot abschneiden und habe dazu das Brotmesser genommen“, sie grinste schief. „Zum Essen bin ich allerdings nicht mehr gekommen. Ich bin vorher aufgewacht, saß in der Küche, hatte das Messer in der Hand, mein Arm war zerschnitten und alles voller Blut.“

„Ihr Mann war also nicht zu Hause“, stellte der Arzt fest.

„Wie ich schon sagte, hatte er einen auswärtigen Termin.“

„Ich denke sie schlafwandeln und haben sich wirklich unabsichtlich verletzt. Das ist ungewöhnlich, aber nicht unmöglich. Sie sollten in der nächsten Zeit nachts nicht allein sein. Ich verschreibe Ihnen ein leichtes Schlafmittel. Nehmen Sie das bitte. Sie sollten unbedingt in den nächsten 14 Tagen noch einmal hier bei mir vorstellig werden. Sie haben Glück, dass ausgerechnet ich heute Dienst habe. Lassen Sie sich einen Termin geben.“

 

In der Folgezeit nahm Lina zwar die verordneten Schlaftabletten, doch sie halfen ihr nicht. Weiterhin konnte sie schlecht oder gar nicht einschlafen.

Eines Morgens fand ihr Mann sie schlafend auf einem Küchenstuhl sitzend vor.

„Um Gottes Willen, Lina, was machst du hier?“, rief er entsetzt aus. „Schläfst du jetzt neuerdings in der Küche? Ich war der Meinung, dass du mithilfe des Arztes und der Tabletten deine Schlafwandelei endlich im Griff hättest.“

Lina blinzelte müde. „Nun, wenn du in deinem Arbeitszimmer schläfst, falls du denn überhaupt nach Hause kommst, so kannst du natürlich nicht wissen, ob es mir besser geht. So wirklich interessierst du dich sowieso nicht für mich, mein Lieber.“

Tatsächlich verbrachte Georg seit knapp einem Jahr die Nächte in seinem Arbeitszimmer. Oft genug blieb er über Nacht weg, gab vor wichtige Termine zu haben. Lina konnte sich nicht mehr daran erinnern, wann sie das letzte Mal intim miteinander gewesen waren.

Er hob die Augenbrauen. „Ich arbeite hart, um dir den bestmöglichen Lebensstandard zu ermöglichen. Es ist traurig, dass du das nicht zu würdigen weißt, meine Liebe. Ich muss jetzt los, rechne heute Abend bitte nicht mit mir.“ Er drehte sich auf dem Absatz um, ehe Lina etwas erwidern konnte.

 

Bei ihrem nächsten Arzttermin klagte sie ihr Leid, ohne jedoch ihre Eheprobleme zu erwähnen. Im Gegenteil klang ihre Version eher liebevoll.

„Mein Mann nimmt so viel Rücksicht. Wenn es im Büro spät wird, dann schläft er im Arbeitszimmer, um mich bloß nicht zu stören. Er hat bedenken mich versehentlich zu wecken, wo ich doch so schlecht einschlafe. Stellen Sie sich nur vor: Neulich hat er mich früh am Morgen schlafend in der Küche vorgefunden, ein großes Messer lag in meinem Schoß. Ich habe wirklich Angst, dass noch einmal etwas Schlimmeres geschieht, als dass ich mir im Schlaf in den Arm schneide. Wahrscheinlich traue ich mich deshalb nicht einzuschlafen. Vielleicht wirken auch die Tabletten nicht.“

Der Arzt schüttelte bedauernd den Kopf. „Keine Angst. Ich glaube nicht, dass bei Ihnen eine Verhaltensstörung des REM-Schlafes vorliegt und Sie deshalb aggressive Trauminhalte ausleben. Ich habe Ihnen bewusst ein leichtes Schlafmittel verordnet und gehofft, dass das reichen würde. Wie es aussieht, sollten wir sie noch gründlicher untersuchen. Übrigens: das Phänomen des Schlafwandelns kann sich genau so schnell verlieren, wie es auftritt. Ich werde mich um einen Termin in einem Schlaflabor kümmern. Das kann allerdings einige Zeit dauern. In der Zwischenzeit verordne ich Ihnen ein etwas stärkeres Mittel. Das wirkt unter Garantie.“

Lina lächelte den Arzt vertrauensvoll an. „Danke, Herr Doktor. Sie beruhigen mich sehr. Es wäre schön, wenn ich endlich einmal in Ruhe und Frieden einschlafen könnte.“

 

Lina hörte den Schlüssel in der Tür. Mit einem Blick auf ihren Wecker stellte sie fest, dass es fast drei Uhr war. Sie hatte nicht früher mit ihm gerechnet.

Am Nachmittag hatte das Büro verlassen, war zu seinem Flittchen gefahren. Sie war ihm in gebührendem Abstand gefolgt, hatte ihn mit einem dicken Blumenstrauß das Apartmenthaus betreten sehen, in dem sein Verhältnis wohnte.

Wie erstarrt war sie eine Weile im Auto sitzen geblieben, hatte überlegt, was wohl geschehen würde, wenn sie einfach aussteigen, klingeln und ihn zur Rede stellen würde. Schnell verwarf sie den Gedanken wieder. Eine Konfrontation war nicht die Lösung, die sie wollte.

Jetzt machte er sich nicht einmal die Mühe, nach ihr zu sehen, sondern ging gleich in sein Arbeitszimmer. Lina lächelte zynisch. Sicher war er müde nach all der Anstrengung. Langsam und lautlos erhob sie sich. Das Messer hatte sie sich schon vor dem Zubettgehen zurechtgelegt, nun fuhr sie vorsichtig - zärtlich über die Klinge. Oh ja, sie war glatt und scharf, genau so sollte es sein. Sie wartete noch einen Augenblick. Aus Erfahrung wusste sie, dass Georg nach ausgiebigem Sex besonders schnell einschlief.

Bald schien ihr der geeignete Moment gekommen zu sein. Lautlos glitt sie ins Arbeitszimmer. Wie sie vermutet hatte, war ihr Mann sofort ins Bett gegangen und eingeschlafen. Passenderweise lag er auf dem Rücken, die nackte Brust hob und senkte sich mit seinen Atemzügen. Er hatte den Mund leicht geöffnet, schnarchte leise.

Sie trat nah an das Bett, strich ihm eine Haarsträhne aus der Stirn. Wenn er jetzt wach würde ... Doch er drehte im Schlaf mit einer entschlossenen Bewegung den Kopf weg. So, als würde er ihre Berührung selbst jetzt nicht ertragen können.

Lina hob entschlossen das Messer, stach mit aller Kraft zu, immer wieder. Er schrie entsetzt auf, versuchte der niedersausenden Klinge zu entkommen, doch er hatte keine Chance. Schließlich röchelte er, mit Blut vermischte Speichelfäden rannen aus seinem weit geöffneten Mund, benetzten das Kinn. Die aufgerissenen Augen wurden trüb, das Leben wich aus seinem Körper.

Sie ließ das Messer fallen, beugte sich schwer atmend über den Toten. „Ich habe euch gesehen, in deinem Büro. Das ist fast ein Jahr her. Ihr habt mich nicht bemerkt. Du hast über ihr auf dem Sofa gelegen und wie ein brünstiger Eber gekeucht. Da habe ich erkannt, dass es nur eine Möglichkeit für mich gibt.“ Sie hauchte ihm einen Kuss auf die Lippen. „Schlaf gut, mein Lieber.“

Nach diesen Worten legte sie sich neben ihn, um den Morgen abzuwarten. Schließlich war sie eine Schlafwandlerin, die schon so manches Mal mit einem Messer in der Hand aufgewacht war und nicht gewusst hatte, was geschehen war.

 

 

 



Ein neues Update

 

„Zeit um aufzustehen, mein Lieber“, säuselte es.

Lunas sanfter Weckruf ließ Zito aufwachen. Wie zu erwarten fühlte er sich schauderhaft. Sein Mund war pappentrocken, in seinem Kopf hämmerte es dumpf. „Mist, ein Vodka zu viel“, grummelte er.

„Kopfschmerztabletten liegen im Badezimmerschrank“, erklang es sanft es aus den unsichtbar angebrachten Lautsprechern.

„Boh, mein Kopf! Halt doch mal die Klappe! Du klingst ja fast wie eine überbemühte Ehefrau!“ Mühsam richtete sich Zito in seinem Wasserbett auf, um sich gleich wieder zurücksinken zu lassen. Er hätte am Vorabend vernünftig sein und seine Beförderung nicht so feucht fröhlich feiern sollen. Doch jetzt musste er wirklich aufstehen. Schließlich wollte er am ersten Tag in der neuen Position nicht gleich zu spät kommen.

„Was liegt heute an?“, fragte er knapp, während er sich umständlich aus dem Bett hievte.

„Heute Vormittag, genauer gesagt um 10 Uhr, ist eine Konferenz mit allen Abteilungsleitern, dann ein Arbeitsessen. Am Nachmittag hast du ein Meeting mit dem Leiter der kaukasischen Vertretung.“

Zito seufzte. Es würde ein langer Tag werden. Und das mit seinem Brummschädel ...

Nach dem Duschen betrat er seinen begehbaren Kleiderschrank. „Und, dein Vorschlag? Was soll ich anziehen?“, knurrte er.

„Laut den satellitengestützen Wetterdaten und der Tatsache, dass du jung und dynamisch auftreten willst,  empfehle ich ein Poloshirt eine Hose und ein Sakko. Smart Casual wäre sehr angesagt. Ein Anzug ist zu formell.“

Zito kramte unlustig in seinen Sachen herum. „Welche Farbe?“, fragte er knapp.

„Nun, heute ist Afrika Tag“, kam es zurück.

„Quatsch nicht so blöd. Sag mir die Farben.“ Luna ging ihm mehr und mehr auf die Nerven.

„Das habe ich überhört“, erklang es aus dem Lautsprecher. Hatte er sich verhört? Ihm schien, als ob die Computerstimme beleidigt, wenn nicht gar wütend geklungen hätte.

„Es wird definitiv Zeit für ein Update. Vielleicht kaufe ich mir sofort die neue Version. Du nervst gewaltig. Noch einmal: welche Farbe?“

 „Ich würde zu beige und braun raten. Beiges Shirt, bräunliches Sakko, dunkelbraune Hose, dunkelbraune Schuhe und Socken. Sonst noch Fragen?“

„Im Moment nicht. Sei froh, dass ich jetzt keine Zeit habe“, grummelte Zito. Achselzuckend schlüpfte er in seine Kleidung. Das fehlte noch, dass er Streitgespräche mit seinem Hausroboter führte. Um Luna würde er sich bei Gelegenheit kümmern.

 

Der Arbeitstag verlief sogar noch stressiger als erwartet. Wenigstens legte sich das Unwohlsein, die Kopfschmerzen verschwanden fast vollständig. Gegen 19 Uhr ließ sich Zito in seinen Lieblingssessel im Wohnzimmer plumpsen.

„Willkommen zu Hause. Ich hoffe es geht dir gut“, begrüßte ihn Luna. „Ich habe über Tag ein Update eingespielt. Damit musst du dich nicht abgeben. Jetzt kann ich noch viel besser auf alle deine Bedürfnisse eingehen.“

Zito grinste erfreut. „Das ist ja schon mal was. Ich hatte einen wirklich anstrengenden Tag und will nur noch entspannen. Was würdest du mir empfehlen?“

„Das dachte ich mir schon. Die Sauna ist vorgeheizt. Wenn du möchtest ...“ Irrte er sich oder klang Lunas Stimme noch samtiger als sonst. „Vorsorglich habe ich mich um eine Masseurin gekümmert. Wenn dir der Sinn danach steht, kann ich sie jederzeit herbestellen. Sie wäre in einer Stunde verfügbar.“

Das neue Update gefiel Zito immer besser. „Lass mal, Sauna ist jetzt genau richtig. Die Sache mit der Massagenummer machen wir ein anderes Mal.“

Rasch entledigte er sich seiner Kleidung, schlang sich ein Handtuch um die Hüften und ging in die untere Etage des Hauses, wo ihm aromatische Düfte entgegenschmeichelten. In der Sauna ließ er sich entspannt auf die Bank sinken und lauschte der Klängen der klassischen Musik, die dezent im Hintergrund spielte. Er legte sich bequem auf die Bank, schloss die Augen und überließ sich ganz der erholsamen Entspannung.

 

Zito fuhr erschreckt auf. Ihm war schwindelig. Wie lange hatte er jetzt in der Sauna gelegen? Und was war das für eine Musik? Er horchte angespannt und erkannte den ‚Trauermarsch’ von Chopin.

„Luna“, rief er leicht panisch. „Wie lange sollte ich in der Sauna relaxen ohne dass es meiner Gesundheit schadet?“

„Circa 15 Minuten, höchstens 20“, war die prompte Antwort. „Jetzt bist du 45 Minuten und 23 Sekunden in der Sauna. Aber du bleibst noch eine gute Stunde drin.“

Dann klickte es.  Zitternd stand Zito auf, versuchte die Tür zu öffnen, was ihm nicht gelang. Luna hatte die elektrische Türverriegelung aktiviert.

‚Vielleicht war das Update doch keine so gute Idee’, dachte er, bevor er zusammensackte.





Denken sie an Störtebeker

 

Der Mann betrat torkelnd die Arztpraxis.

„Einen Moment, ich muss noch das Rezept ausdrucken“, informierte ihn die Sprechstundenhilfe am Empfang und winkte ungeduldig mit der Hand. Mühsam hielt sich der Patient am Empfangstresen fest und harrte der Dinge.

„So, jetzt zu ihnen. Haben sie einen Termin?“, fragte die Dame streng, worauf der Patient den Kopf schüttelte.

„Dann wird es schwierig. Der Doktor ist heute allein und das Wartezimmer brechend voll. Wollen sie nicht lieber morgen wiederkommen oder besser noch einen Termin vereinbaren? Nächste Woche Donnerstag wäre noch etwas frei“, erklärte sie nach einigem blättern. Sie blickte auf. „Du meine Güte, sie sehen echt krank aus. Wenn sie warten wollen, dann schaue ich mal, ob ich sie dazwischenschieben kann, Herr ... äh ... Schnabel.“

„Danke“, murmelte der Angesprochene. „Ich habe Schmerzen in der Brust und ich bekomme kaum noch Luft.“

„Ich werde sehen, was ich tun kann. Setzen sie sich ins Wartezimmer, bitte.“

Herr Schnabel betrat das Wartezimmer, wo alle Sitze belegt waren. Zu seinem Glück bot ihm ein mitfühlender Zeitgenosse seinen Platz an.

Endlich, kurz vor Praxisschluss, wurde Herr Schnabel als letzter Patient aufgerufen. Langsam betrat er das Behandlungszimmer, setzte sich dem Arzt gegenüber.

Der Doktor sah nicht auf. „Was führt sie zu mir? Wie geht es ihnen?“, fragte er über seine Akten gebeugt.

„Jetzt geht es mir gut“, erklärte der Patient. „Als ich herkam, hatte ich Schmerzen in der Brust und Atemnot. Nun ist alles weg.“

„Dann machen sie mal den Oberkörper frei“, sagte der Arzt und schaute den Patienten an. Was er sah, gefiel ihm gar nicht. ‚Starrer Blick, wächserne Haut. Er hätte viel früher in die Praxis kommen sollen’, dachte er bei sich und setzte das Stethoskop an. Merkwürdig, er konnte nichts hören und schüttelte das Arbeitsgerät energisch. Noch immer nichts. Der Arzt nahm ein anderes Stethoskop aus der Schublade und versuchte es erneut.

„Verflixt“, mit diesem Ausruf fühlte er nach dem Puls des Patienten. „Sie haben keinen Puls“, murmelte er und tastete weiter auf dem Handgelenk herum. Schließlich ließ er die Hand sinken. „Sie haben keinen Puls“, wiederholte er.

„Ich weiß“, antwortete Herr Schnabel. „Das liegt daran, dass ich tot bin. Schon seit mindestens einer Stunde. Aber weil ich sowieso hier bin, möchte ich wissen, woran ich gestorben bin.“

„Herzinfarkt“, krächzte der Arzt.

„Dachte ich mir“, antwortete der Patient.

„Das gibt’s doch nicht“, flüsterte der Doktor.

„Doch, denken Sie an Störtebeker“, erklärte Herr Schnabel und fiel zu Boden. Der Arzt starrte ihn einen Augenblick lang an, dann nahm er den Telefonhörer ab und wählte die Nummer des Notarztes.

 

„Der Mann ist seit mindestens einer Stunde tot. Warum haben sie uns erst jetzt gerufen?“, fragte der Notarzt nach einer kurzen Untersuchung.

„Seit einer Stunde tot, das hat er auch gesagt. Aber er ist erst gerade ins Sprechzimmer gekommen, weil er nämlich seine Todesursache wissen wollte.“

„Das gibt’s doch nicht“, erklärte der Notarzt entschlossen.

„Doch, denken sie an Störtebeker“, flüsterte der Doktor.

Sein Gegenüber musterte ihn kurz. „Ist gut, ich verstehe. Ich denke es wird das Beste sein, wenn ich ihnen eine Spritze gebe. Nur zur Beruhigung, Herr Kollege. Und vielleicht sollten sie sich etwas ausruhen. Ich wüsste da eine wirklich gute Einrichtung für sie ...“





Das Geisterhaus

 

Beklommen schaute ich mich um, denn ich fühlte mich nicht wohl in meiner Haut, ganz und gar nicht wohl. Das Haus, welches von außen düster und baufällig wirkte, machte innen einen noch schlimmeren Eindruck, strahlte Verfall aus, roch nach Fäulnis und Moder und nach einer undefinierbaren Gefahr.

„Mir gefällt es hier nicht“, dieses Mal sprach ich den Gedanken laut aus, während ich meiner besten Freundin folgte, die unbeirrt weiter in das Innere des alten Hauses trampelte.

„Stell dich nicht so an“, erwiderte sie und grinste ironisch. „Meine kleine Andy. Soll ich dein Händchen halten? Nicht, dass ein böser, böser Geist vorbeikommt und Sex von dir will.“ Sie legte im Weitergehen den Kopf in den Nacken und stöhnte laut: “OOOhhhh, nimm mich, ich bin so heiß!“

Dieser Ausbruch ließ mich kichern. Sie hatte ja Recht, Geister gab es nur in alten Schauermärchen.

Vor einer massiv aussehenden Tür blieben wir stehen. Während mir schon wieder mulmig wurde, war Iris nicht zu bremsen. Sie stemmte sich gegen die Tür, die schließlich mit einem Ächzen aufschwang. „Los, komm schon, du Angsthase.“ Sie zerrte mich in das dunkle Zimmer, wo sie sich sofort daran machte, die zerschlissenen Vorhänge, welche zersplitterte Fensterscheiben in maroden Fenstern verbargen, aufzuziehen. Dass sie dabei die staubig - muffigen Fensterbehänge vollends zerstörte, schien sie nicht zu kümmern. Eine gespenstisch trübe Helligkeit sickerte in den Raum und ließ erkennen, dass wir uns im Salon befanden. Vor einem riesigen Kamin standen schwere, lakenverhangene Möbel, an der gegenüberliegenden Wand trauerte ein Spinett besseren Tagen hinterher. Davor stand eine zierliche Bank, auf die ich mich sinken ließ, denn ich hatte endgültig die Nase voll von diesem alten Gemäuer. „Mir reicht‘s, ich gehe keinen Schritt weiter. Wenn du dir das Haus weiter ansehen willst, so muss du das allein tun. Ich warte hier so lange, aber beeil dich.“

„Mach dir nicht gleich ins Höschen. Ich schaue mir nur mal kurz die erste Etage an. Wer weiß, vielleicht finde ich ja etwas Wertvolles.“ Nach einem gewollt gelangweilten Blick durch den Raum schlüpfte Iris zur Tür hinaus und polterte bald die Treppe zum Obergeschoss hinauf.

Ich blieb beklommen auf der Bank sitzen. Wie oft hatte ich mich schon von meiner besten Freundin überreden lassen? Wie oft hatte ich für sie den Kopf hingehalten? Iris besaß ein ausgesprochenes Talent dazu, anderen ihren verzapften Blödsinn in die Schuhe zu schieben. Doch irgendwie hing ich an ihr. Sie hatte zwar eine große Klappe und konnte mich zuweilen ganz schön niedermachen, aber ich konnte genauso gut eine Menge Spaß mit ihr haben.

In diesem Fall ging es um das alte, verwahrloste Herrenhaus, welches inmitten eines dschungelartigen Parks lag. Um dieses Anwesen rankten sich die wildesten Legenden. Es hieß, dass die Besitzer alle eines unnatürlichen Todes gestorben waren. Von bösartigen Geistern und unaussprechlichen Geschehnissen war die Rede, von Besessenheit und Teufelsaustreibungen. Die Leute erwähnten das Haus möglichst nicht, jedermann machte einen großen Bogen um das Anwesen. Der jetzige Eigentümer, ein, laut Iris, schnuckeliger Mittdreißiger, ließ sich ab und zu blicken, scheinbar um nachzusehen, ob das Haus endlich in sich zusammengefallen war.

Meine verrückte Freundin versuchte schon seit längerer Zeit, mich zu einem Abstecher in das Geisterhaus zu bewegen. Heute war es ihr gelungen. Vielleicht, weil ich es leid war, ihr ständiges Gerede über das Haus anzuhören. Vielleicht aber auch, weil ich mich selbst auf eine merkwürdige Weise von dem alten Gemäuer angezogen fühlte. Dabei flößte es mir eine an Panik grenzende Angst ein.

Trotzdem saß ich jetzt auf der alten Bank vor dem Spinett. Probehalber schlug ich ein paar Tasten an und sah mich, trotz aller Beklommenheit, neugierig um. Der Raum erschien mir riesig, fast unwirklich in seiner nebelhaften Düsterkeit.

„Nebel, das ist ja Unsinn“, dachte ich, doch ohne Zweifel war ich von wabernden Nebelschwaden umgeben. Fröstelnd stand ich auf, während der Nebel immer dichter wurde. Fast kam es mir vor, als würden weiße Finger nach mir greifen. Gleichzeitig hörte ich leise Musik, so als wäre das Spinett zum Leben erwacht. Entsetzt öffnete ich den Mund, um zu schreien, doch ich brachte keinen Ton heraus.

 

Ich schlief tief. Das Erwachen war mühsam, fast unmöglich. Zu lange schon hatte ich hier verbracht, starr und kalt, unfähig die Augen zu öffnen, doch meiner bewusst. Der Todesschlaf hielt mich gefangen, ließ mich von dunklen Schatten, aufgerissenen Venen, Blut und der Lust des Lebennehmens träumen. Doch jetzt rührte etwas an mir, zog und zerrte, ließ mich nicht weiter in meinen Träumen schwelgen. Ich hörte die Musik, leise, kaum wahrnehmbar. Meine Melodie. Sie lockte, verhieß ein neues Leben.

 

„Hey, guck mal was ich gefunden habe! Das lag in einer ollen Truhe, ganz am Ende des oberen Flures.“

Iris stand vor mir und hielt mir ein schmales, schmuddeliges Buch unter die Nase. „Was ist los“, sie musterte mich prüfend. „Du bist ja ganz weiß um die Nase, ist dir ein Geist begegnet?“

„Ich weiß auch nicht, plötzlich war es hier so komisch ... nebelig, oder so ... hast du die Musik gehört?“, fragte ich atemlos.

„Welche Musik?“, meine Freundin schüttelte den Kopf. „Und wo bitte schön ist hier Nebel? Das ist Staub! Du spinnst ganz schön.“

Ich kam mir lächerlich vor, denn der Raum lag friedlich vor mir. Es war zwar immer noch düster, aber vom Nebel fehlte jede Spur und auch die Musik war nicht zu hören. Bestimmt war meine Fantasie mit mir durchgegangen.

„Du bist sicher kurz eingenickt, das kommt davon, wenn man die halbe Nacht mit seinem Freund herumfährt.“ Iris schüttelte in gespielter Verzweiflung den Kopf. „Was ihr wohl so getrieben habt? Wenn das deine Eltern wüssten, wo sie doch dachten, dass du bei mir übernachtest.“

„Nun hör schon auf, wir haben bloß geknutscht!“ Sie brachte mich mit solchen Bemerkungen immer auf die Palme, was in diesem Fall in Ordnung war, denn ich vergaß vor lauter Empörung meine Beklemmung, den Nebel und die gespenstische Musik. „Jetzt zeig schon her, was hast du da?“ Meine Freundin klappte das Buch auf und ließ mich hineinschauen. Gemeinsam blätterten darin herum. Jemand hatte in einer altmodischen, verschnörkelten Schrift Sprüche aufgeschrieben. Ab und zu gab es Erläuterungen und Zeichnungen, die nicht besonders gut zu erkennen waren.

„Man, das ist ja cool“, seufzte Iris begeistert. „Ich glaube das sind lauter Zaubersprüche, wie bei Harry Potter. Bloß, dass sein Zauberbuch entschieden dicker ist. Schau mal hier“, sie hielt einem Moment inne und wies auf einige Verse. „Da steht was von Kontakt mit den Anderen. Was meinst du.“

Ich beugte mich über den Text. „Kontakt aufnehmen ... Anderen ... kommen ...“, entzifferte ich mühsam. „Was für ein Blödsinn und wie komisch das geschrieben ist. Lass uns gehen. Wenn du es unbedingt weiterlesen willst, so nimm das Buch einfach mit. Ich jedenfalls habe für heute genug von diesem alten morschen Kasten.“

 

Oh, wie unendlich schmerzhaft das endgültige Aufwachen war! Doch das magische Werk war aufgeschlagen worden und auch der Melodie konnte ich nicht widerstehen. Sie rief fast vergessene Erinnerungen wach. Wie groß mein Entsetzen war, als ich erkannte, dass es mich zurück an jenen Ort, an dem ich so viel Lust und doch so viel Leid erfahren hatte zog. Der Ort, an dem er mich in jenen unsäglichen Todesschlaf versetzt hatte ... Ich war nicht achtsam gewesen, hatte ihn verachtet und mir kaum die Mühe gemacht, das magische Werk vor ihm zu verbergen. Er kam mir so simpel vor, so tumb wie alle Sterblichen, voller Eitelkeiten. Ich ließ ihn zu lange existieren und er erkannte die eine Möglichkeit, um zu überleben ... Der Ruf wurde schmerzhaft und unerträglich sehnsuchtsvoll zugleich. Ich wehrte mich vergeblich, musste ihm folgen, er holte mich zurück, zog mich hinein in den Kreis.

 

„Sie schafft es doch immer wieder“, dachte ich, während ich Iris beim Anzünden der Kerzen zusah. Wir saßen im Salon, zwei schwarze Kerzen und das Buch in einem Kreidekreis zwischen uns. Zusätzlich hatte sie ein Pentagramm um den Kreidekreis gemalt und in jede Ecke ein Teelicht gestellt.

Meine Freundin wollte einfach keine Ruhe geben. Sie musste unbedingt eine Geisterbeschwörung veranstalten, denn davon hatte sie ausführlich gelesen. Natürlich konnten wir nicht einfach einen netten Abend in ihrem oder meinem Zimmer verbringen, bequem sitzen, Schokolade essen, Wein trinken und einen freundlichen Geist beschwören. Die Veranstaltung musste unbedingt im alten Haus stattfinden. Die nötige Formel für das Anrufen ‚der Anderen’ und den genauen Hergang der Beschwörung fand sie in dem im Haus gefunden Buch, das eher einer Kladde glich, in der sich jemand Notizen gemacht hatte. Wer dieser Jemand gewesen war, ließ sich leider nicht erkennen, doch die altmodische Handschrift und auch die Ausdrucksweise ließen erkennen, dass er oder sie schon lange nicht mehr lebte. Die Überredungskünste meiner Freundin zeigten Wirkung, denn nach und nach kam es mir der Gedanke das Haus noch einmal zu besuchen und dort die Geister anzurufen gar nicht mehr so abwegig vor. Merkwürdig, meine Angst schien plötzlich nicht mehr zu existieren und so ließ ich mich gerne überreden.

„Also, ich fange jetzt an“, Iris räusperte sich ausführlich und leierte mit Grabesstimme die Beschwörungsformel herunter. Die Kerzen flackerten sanft, doch sonst geschah nichts. Enttäuscht sahen wir uns um.

„Kein Geist in Sicht, ich glaube sowieso nicht, dass das funktioniert“, grinste ich erleichtert, doch Iris ließ nicht locker. „Na komm schon, einen Versuch machen wir noch. Dieses Mal beschwören wir die Anderen zusammen.“ Sie reichte mir das Buch. „Da, du kannst ja ablesen.“ Zunächst zögernd, dann immer sicherer las ich die Formel laut vor. Iris sprach sie aus dem Gedächtnis nach. Der letzte Satz lautete: „So wyl ych, us freyem Wylen, eyns seyn.“

Eine unmerkliche Verschiebung der Wirklichkeit schien vor sich zu gehen, ließ uns wie in Trance immer wieder diesen einen Satz sprechen. Leise zuerst, doch bald schon hallten die Worte laut in meinem Kopf, ergaben eine Melodie. Sanfte silbrig klingende Töne, wie von einem Spinett.

 

Ich musste dem Ruf folgen, der mich hineinzog in den Kreis, der immer lauter wurde. Bald hallte seine Melodie in mir wider. Das Spinett erklang, wie in lang vergangener Zeit.

Ich erkannte sie: zwei junge, starke Menschen. Mich überkam eine unbändige Lust, ihre Körper zu besitzen, ihre Kraft aufzusaugen, für mich zu vergeuden. Vorsichtig, so wie ich es immer getan hatte, berührte ich ihr Innerstes, ihre Möglichkeiten ertastend, das Leben, das sie mir schenken würden, erahnend. Eine der beiden enttäuschte mich. Sie schien im ersten Moment stark zu sein, doch sie konnte mich nicht täuschen. Kaum hatte ich sie berührt, so zuckte sie zurück, wandte sich wie ein Wurm, wimmerte um Gnade. Nun, sie war es nicht wert, von mir zum wirklichen Dasein erweckt zu werden. Ich würde mich später um sie kümmern. Die Andere war es, die ich erwählte. Sie versuchte sich zu sperren, errichtete eine, wenn auch lächerliche Mauer, um mich auszusperren. Doch das gelang ihr nur für einen Wimpernschlag. Schon bald spürte ich sie ganz. Ihr Ich erschien mir stählern. Ein köstliches Gefühl ließ mich wohlig erschauern. Ich würde meine Freude an ihr haben, sie mit mir vereinen, gemeinsam alle Genüsse, unsere unbegrenzte Macht auskosten. Sie würde mir dankbar sein, denn ich würde ihr das ewige Leben schenken.

 

Ich spürte meinen Körper wieder, reckte mich genüsslich. Ich hatte all zu lange in bewegungsloser Starre verharrt. Meine Finger sahen perfekt aus. Lang und feingliedrig schienen wie für das Spiel auf dem Spinett gemacht.

Ich setzte mich auf meinen Hocker, schlug ein paar Takte meiner Melodie an. Die Töne erklangen silbrig und wunderbar. Wie lange hatte ich das vermissen müssen. Leben in einem Körper, jung und stark, durch mich perfekt. Ich hatte fast vergessen, wie sich das anfühlte. Ich stand auf, drehte mich um die eigene Achse, breitete die Arme aus, lachte vor Entzücken. Nun galt es, das Haus in seinem alten Glanz auferstehen zu lassen. Das würde mir nicht schwerfallen. Der damalige Herr des Hauses war mir hörig gewesen. Sein Nachfahre würde mir genauso wenig Widerstand leisten können. Nur, dass ich jetzt gewappnet war und ihm keine Gelegenheit geben würde, mich noch einmal zu töten. Oh, ich würde meinen Spaß haben, doch jetzt musste ich mich erst einmal stärken.

Iris starrte mich mit weit aufgerissenen Augen an. Von ihrer früheren Selbstsicherheit und Dominanz war nichts mehr zu spüren. Ich lächelte sie zärtlich an. „Du musst keine Angst haben“, flüsterte ich ihr zu. „Es tut nicht weh, du wirst, während du mir deinen Lebenssaft schenkst ganz friedlich einschlafen.“ Ich nahm sie, die nun in von mir köstlich anmutendem Grauen unbeweglich dasaß, in die Arme. „Dein letzter Gedanke soll der sein, dass du mit deiner Geisterbeschwörung wirklich erfolgreich warst.“

 

 

 

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"Sieben Leben"