Lieblingsstories

Brücken aus Nebel

 

Sie hat ihren Kopf auf seine nackte Brust gebettet. Es ist wunderbar zwischen ihnen gewesen. Ihre Hände streicheln über seine Haut. „Ich bin glücklich“, sagt sie.

„Du gehörst mir“, murmelt er, während seine Finger sanft über ihren Rücken gleiten.

Sie lächelt: „Ich habe mich in einen Mann ohne Heimat verliebt.“

„Du bist meine Heimat. Die einzige, die ich brauche.“ Er küsst ihren Mund. „Ich begehre dich, ich werde dich immer begehren.“

„Und liebst du mich auch?“

„Mehr als alles andere auf der Welt.“

„Wirst du auch bei mir sein, wenn das erste Licht des Tages uns berührt? Nicht nur heute?“

„Immer. Ich werde immer bei dir sein.“

Sie zieht seinen Kopf zu sich herab. „Ich meine es ernst. Ich bin verletzlicher, als du es meist. Ich brauche Sicherheit, Geborgenheit, Liebe. Ich würde es nicht ertragen, wenn du mich verlässt.“

Er stützt sich auf, küsst ihr Gesicht. „Ich gehöre dir. Nur dir.“

Sie schmiegt sich an ihn, berührt sanft seinen Rücken. Ihre Finger streifen seine nackte Haut, flüchtig, schwerelos. Ihre Berührung lässt ihn leicht werden. „Und du?“ fragt er. „Wirst du bei mir bleiben, auch wenn ich wieder rastlos werde und die Sehnsucht nach Unbekanntem mich packt? Wirst du auf mich warten?“

„Du musst immer zu mir zurückkehren, dann warte ich. Aber du darfst mich niemals wegstoßen.“

Er nimmt sie in die Arme. Für diesen einen Moment ist er ganz sicher. Es ist alles in Ordnung, denkt er, spürt, wie die Unschuld, die Zärtlichkeit dieses Mädchens ihn überflute, ihn hilflos macht.

Ich kann dem nichts entgegensetzen, fährt es ihm durch den Kopf. Mein Panzer zerbricht in tausend Stücke. Mit ihr kann ich zur Ruhe kommen.

„Du bist müde“, sagt sie lächelnd.

„Sehr müde“, lächelt er zurück.

Sie reibt sich leicht an ihm. Zarte Oberschenkel, samtene Haut. Eine geöffnete Blume, feucht von Tau. „Komm“, lockt sie.

Er umfasst, küsst sie, liebkost ihre Brüste.

„Lass dir Zeit“, flüstert sie, als er sich über sie schiebt. „Wir haben die ganze lange Nacht.

 

***

„Ich muss gehen“, sagt er. „Nur noch diese eine Mal.“

Sie schüttelt den Kopf. „Bleib. Du kannst nicht immer Brücken aus Nebel und farbigen Regenbögen hinterherlaufen. Bleib bei mir, in der Wirklichkeit.“ Sie nimmt seine Hand. schaut ihn bittend an.

„Ich komme zurück, will dich doch nicht verlassen.“

„Dann tu es nicht! Ich schenke dir alles, was ich besitze. Meine Seele, meinen Körper, mein Wesen. Ist das nicht genug für jemanden, der mir sagt, dass er mich liebt?“

„Ich liebe dich, aber ich muss weg. Nur ein halbes Jahr ... Dann bleibe ich für immer ...“

„Natürlich“, ihre Hand löst sich von der seinen. Ihr Blick wird unsicher, ängstlich. Für einen Augenblick zeichnet sich Schmerz in ihrem Gesicht ab. Das dumpfe Gefühl vergeht, sie strafft sich.

„Ein halbes Jahr ist nicht viel in einem Leben“, murmelt er.

„Für mich doch.“

„Ich komme zu dir zurück.“

„Dann ist es zu spät.“

„Nur noch diese eine Reise. Ich bitte dich, dann bleibe ich.“

Sie spürt, dass der Schmerz in ihrem Leib sich verstärkt und atmet tief, will ihn jetzt nicht zulassen. Nicht, so lange es noch Hoffnung gibt.

„In einem halben Jahr wirst du wieder um Aufschub bitten. Du wirst erneut deinen Träumen nachlaufen. Du musst dich entscheiden. Entweder für einen gemeinsamen Traum mit mir oder für die Jagd nach dem Regenbogen.“ Wieder eine Welle des Schmerzes. Sie  hält sich an der Stuhllehne fest, atmet tief ein und aus.

Er bemerkt nichts, steht auf. „Ich kann nicht, jetzt noch nicht. Bitte versteh mich. Ich gehe jetzt in meine Herberge, werde dort bis morgen auf eine Nachricht von dir warten. Bitte ...“

„Wenn du jetzt gehst, dann ist das für immer, querido. Das sollte dir klar sein“, murmelt sie.

„Ich warte in der Herberge auf eine Nachricht.“ Er wendet sich der Tür zu.

„Geh nicht!“

Doch er hört sie nicht mehr. Die Tür ist ins Schloss gefallen. Er hat sie verlassen.

Warum versteht er nicht, denkt sie. Dann durchzuckt sie der Schmerz, zerreißt ihren Körper. Sie greift sich an den Leib, weiß, dass sie nun auch noch das Kind verlieren wird.

 

Am nächsten Morgen kommt er zögernd zum Tor zu ihrem Haus. Wachen stehen davor, lassen ihn nicht vorbei. Der Hauptmann schaut ihn abschätzend an. „Was willst du. Mach dich davon.“

„Ich will zur Domna“, sagt er fest.

Der Hauptmann schüttelt den Kopf. „Sie will dich nicht sehen. Wir werden dafür bezahlt dich abzuweisen, also pack dich.“

„Ich will es von ihr selbst hören. Vorher gehe ich nicht.“

„Ach ja“, grinst der Hauptmann. „Viel Spaß.“

„Dann will ich mit ihrer Allegada sprechen“, er zögert. „Bitte ... hilf mir ...“

Der Hauptmann mustert ihn eingehend, scheint Respekt vor seiner Hartnäckigkeit zu haben. Vielleicht rührt die Bitte ihn an. Er zuckt mit den Schultern.

„Frag, ob sie mit ihm reden will“, ruft er einem Kameraden zu.

Nach einer Unendlichkeit erscheint die Frau im Bogen des Haustores. „Geht, Ihr solltet sie in Ruhe lassen“, sagt sie mit schmalen Augen.

„Ich will sie sehen.“

„Geht, es ist zu spät. Ihr habt sie beinahe getötet. Ihr werdet sie nie wieder sehen. Man muss sie vor Euch schützen.“ Sie verschwindet im Torbogen, lässt ihn stehen.

„Du liebst sie wirklich, nicht wahr“, fragt der Hauptmann leise.

„Mehr als mein Leben.“

Der Hauptmann zögert, tritt einen Schritt auf ihn zu. „Ich sollte es dir nicht sagen, aber ich sehe, dass du verzweifelt bist, Bruder. Sie hatte einen Blutsturz, wäre fast daran gestorben. Aber sie wird überleben und wieder gesund werden. Die Allegada hat dafür gesorgt, dass sie gut bewacht wird. Was hast du bloß gemacht?“

Er lacht bitter auf. „Brücken aus Nebel, farbige Regenbögen, für ein halbes Jahr ...“

Der Hauptmann klopft ihm auf die Schulter. „Ich verstehe dich nicht, Bruder, aber du wirst wissen was du tust. Geh jetzt. Du wirst sie wohl nie wiedersehen.“

 

***

„Soll ich dich freisprechen von der Verantwortung? Das kann ich nicht!“ Die Heilerin mustert ihn kalt. Bei ihr hat er sich verkrochen, wie schon so oft, denn sie ist Mutter, Freundin und Vertraute für ihn. Er hofft auf ihre Absolution, damit er weiterleben kann, trotz allem.

„Wie kann ein Streit einen Blutsturz auslösen? Das ist doch unmöglich“, murmelt er noch immer fassungslos, lehnt sich zurück, spürt die Härte der Wand in seinem Rücken.

„Du irrst, das kann vorkommen. Wenn eine Frau schwanger ist und voller Angst ...“

„Sie hätte es mir sagen sollen, dann wäre ich bei ihr geblieben.“

„Sie ist stolz. Sie wollte dich nicht erpressen. Sie wollte, dass du ihretwegen bleibst. Sag mir die Wahrheit. Wärst du wirklich geblieben? Und hättest du es ihr letztendlich nicht übel genommen, dass sie dich an der Ausführung deiner Pläne hindert?“

„Es ging nur um ein halbes Jahr.“

„Du sollst mir die Wahrheit sagen, wärst du geblieben?“

„Nein, ich wäre wohl trotzdem gegangen“, sagt er beschämt, schlägt plötzlich den Kopf nach hinten, gegen die Wand, spürt den Schmerz kaum. „Sie verloren zu haben schmerzt. So, als würde ich sterben.“

Die Heilerin schlägt ihm ins Gesicht, hart, unerbittlich. „Du solltest dich schämen, trauerst um dich, nicht um sie und das Kind. Versinkst in Selbstmitleid“, sagt sie kalt. „Sie ist eine bemerkenswerte Frau. Stolz, zu stolz vielleicht. Vielleicht auch eitel, aber sie hat verstanden. Deine verrückten Träume sind dir wichtiger als alles. Du hast sie verloren, diese Tatsache musst du akzeptieren.“

„Du hast Recht, ich allein bin Schuld“, murmelt er vergräbt den Kopf in den Händen.

„Das habe ich nicht gesagt und es stimmt so nicht. Sie hätte es dir trotz allem sagen können. Sie ist kein Kind mehr, hat genauso viel Schuld auf sich geladen wie du. Doch sollst du um das ungeborene Kind trauern und um sie, um eure Liebe. Genauso wie um dich.“

Er öffnet den Mund, versucht zu sprechen, vergeblich. Für einen Moment schließt er die Augen.

„Was bedeutet Schuld, sag es mir“, fragt die weise Frau leise.

„Dass wir uns immer wieder verraten. Immer wieder aufs Neue“, flüstert er heiser.

„Und wenn du trauerst, um wen weinst du dann?“

„Um sie und um das Kind und auch ein stückweit um mich und die Liebe.“

Die Frau nickt. „Du, mein Freund bist ein Träumer. Sie hätte wissen können, dass sie dich nicht halten wird.“

 

***

Es sind Jahre vergangen.

Sie hatte einen Mann gefunden, einen guten Mann, den sie sehr mochte. Mehr noch, sie betrachtete ihn als ihren Freund. Sie wusste immer, dass er sie leidenschaftlicher liebte, als sie ihn und gerade deshalb brachte sie ihm eine beinahe beschützende Zärtlichkeit entgegen. Sie waren glücklich miteinander, auf eine einfache, behutsame, durchschnittliche Art. Sie stellten ihre kleine Welt nicht in Frage, beließen alles, wie es war. Doch die scheinbare Sicherheit zerbrach. Sie verlor ihn an den Tod.

 

Nicht lange danach sucht sie die Heilerin auf. Doch die Frauen sprechen nicht über den Ehemann. Die weise Frau erzählt vom Besuch des Ritters, seinem letzter Besuch bei ihr seit langer Zeit. Sie spricht ungeschminkt über seine Fehler und Stärken, beschönigt nichts, obwohl er doch ihr Ziehsohn ist.

„Du hättest es ihm sagen müssen, ihn nicht wegschicken dürfen“, erklärt sie schließlich.

„Ich wollte ihn nicht unter Druck setzen.“

„Ich weiß, doch Männern muss man seine Gefühle erklären. Sonst verstehen sie nicht“, die Heilerin lächelt leise.

„Ich denke trotzdem, dass es richtig war, wie ich gehandelt habe.“

„So? Und, hat dich dein Handeln glücklich gemacht?“

Ein Zögern, dann die leise Antwort. „Nein, natürlich nicht. Doch ich fand einen Mann, der mich liebte, der Verantwortung übernahm. Mit ihm war ich zufrieden. Aber nun fühle ich mich schuldig, ich konnte meinem Ehemann seine uneingeschränkte Liebe nicht zurückgeben. Vielleicht ist sein Tod meine Strafe. Nun habe ich alles verloren.“

„So zu denken ist vermessen! Du hast ihm die Liebe geschenkt, die du für ihn hattest und ihn damit glücklich gemacht. Warum solltest du also Schuld auf dich geladen haben? Noch etwas: Hast du wirklich alles verloren? Oder möchtest du das nur denken?“

Wieder eine zögerliche Antwort: „Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich nun in einer Welt ohne Liebe lebe, leben muss.“

Die Heilerin nimmt ihre Hände. „Willst du das? Für immer ohne Liebe leben? Den gleichen Fehler noch einmal machen? Der Mensch ist auf der Welt, um glücklich zu sein, mein Kind.“

„Das sagst du so einfach. Wo ist mein Glück? Wie kann ich es finden? Wie könnte ich IHN finden? Will er mich überhaupt noch?“

„Wenn du es wirklich willst ... noch ist es nicht zu spät.“

Die Heilerin geht zu einer Truhe, zieht ein Bündel mit Briefen hervor. „Er hat mir über all die Jahre geschrieben. Von seiner vergeblichen Suche nach dem Glück. Von seiner Sehnsucht. Er hat dich niemals vergessen können. Nun, da du nicht mehr gebunden bist, will ich dir seine Briefe gern überlassen.“

Nach diesem Besuch weint sie zum ersten Mal, seit ihr Ehemann gestorben ist. Sie weint um ihn, der nie ihre ganze Liebe bekommen hat. Sie weint um den Ritter, der das Richtige wollte und das Falsche getan hat. Schließlich weint sie um sich, um all die Träume, die ihr entglitten sind. Als sie einschläft träumt sie von dem Mann, der ihr einst die Liebe schwor, der gesagt hatte, dass sie seine einzige Heimat wäre. Sie träumt von einem Narren, ihrem Narren. Am Morgen wacht sie auf und weiß, dass es nur eine Möglichkeit für sie gibt.

 

***

Sie bleibt im Türrahmen stehen, betrachtet ihn einen Augenblick lang, wie er schreibend vor seinem Pult steht, ist nicht auf das Gefühl der Zärtlichkeit gefasst, das sie erfüllt, fühlt sich verletzlich, wehrlos, ist voller Freude und doch voller Furcht.

„Schade, dass dies kein Brief an mich ist. Ich habe so lange auf eine Nachricht gewartet“, sagt sie.

Er hält inne, lauscht der Stimme. Dann legt er sorgsam die Feder beiseite. „Ich war auf der Suche nach Brücken aus Nebel und dem Regenbogen.“

Sie ist hier, denkt er. So viele Jahre habe ich auf diesen Augenblick gewartet. Bitte, Gott, lass sie meinetwegen hier sein.

Sie tritt in den Raum. „“Hast du sie gefunden, deine Nebelbrücken?“

„Nein.“ Endlich wagt er es sie voll anzusehen, stellt fest, dass sie ist unverändert schön ist. Die Zeit und das Schicksal haben ihr nichts anhaben können.

„Du erinnerst dich sehr gut an unser Gespräch“, stellt sie fest.

„An jedes Wort.“

„Damals.“

„Damals“. Grüne Augen, die er nie vergessen konnte. Augen, in denen er Sehnsucht und Zärtlichkeit sieht, Verständnis und Großzügigkeit.

Meerestiefe Augen, denkt er. Meine Liebe, unsere Liebe, die sich in ihrer Intensität nicht verändert hat.

„Du bist noch schöner als früher“, sagt er.

Sie blickt ihn amüsiert an. „Lügner, ich komme in die Jahre.“

Er lacht. „Oh nein, ich lüge nicht. Wie hast du mich gefunden?“

Wie weit ist der Raum zwischen ihnen? Wie weit der Weg zur ersehnten Erfüllung? Drei, vier Schritte? Noch kann er sie nicht machen.

„Ich wollte es, deshalb war es leicht“, sagt sie leise.

Geh auf sie zu, Dummkopf. Sie ist dir entgegengekommen, wartet nun auf dich. Denk nicht daran, wie viel Zeit verstrichen ist, ertönt eine Stimme in seinem Inneren.

 Doch stattdessen sagt er: „Ich habe lange auf dich gewartet.“

„Wir haben beide gewartet.“ Sie streckt ihm die Hände entgegen.

Jetzt endlich kann er das Zimmer durchqueren. Seine Finger berühren sie sanft. Langsam beugt er sich zu ihr, küsst sie. Sanft erst, dann voller Leidenschaft, presst sie an sich, während ihre Hände seinen Rücken entlanggleiten.

„Es ist gut, endlich wieder seine Träume zu berühren“, murmelt er, das Gesicht in ihrem Haar vergraben.

„Du liebst mich“, stellt sie fest.

„Ja, es war immer so. Unser Weg war stets ein gemeinsamer.“

„So liebst du verrückte Umwege.“

„Ich bin ein Narr.“

„Mein Narr“, lächelt sie, dann legt sie ihre Fingerspitzen auf seine Lippen. „Du sprichst zu viel, wie immer.“

„Was soll ich tun?“

„So handeln, wie du fühlst.“

„Das werde ich. Keine Brücken aus Nebel mehr, keine bunten Regenbögen. Du bist meine Heimat, die einzige, die ich brauche, für immer.“

"Nicht reden", sie nimmt seinen Kopf in ihre Hände, berührt seine Lippen mit den ihren ...