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Wenn einer eine Reise tut ...


Überraschung auf Thai

 

Ich verdrehte die Augen und sah meinen Mann verzweifelt an. Leider dachte er gar nicht daran, mich aus der misslichen Situation zu befreien. Im Gegenteil gab er vor weiter in seiner Zeitung zu lesen, wobei er mir ab und zu einen belustigten Blick zuwarf.

„… und ich bin so gespannt auf meine Begleitung. Ich hoffe sie ist noch schöner, als auf den Fotos, nach denen ich sie mir ausgesucht habe. Die thailändischen Frauen sind unübertroffen grazil …“
So und ähnlich ging es schon seit geraumer Zeit. Mein niederländischer Sitznachbar hatte sich bereits bevor das ‚Boarding Completed’ ertönte vorgestellt. „Hallo, ich bin der Joost de Groot aus Doetinchem.“
Wie sich herausstellte, hatten wir dasselbe Hotel gebucht, was Joost begeistert näher rücken ließ. Er habe sich schon lange auf den Urlaub in Thailand gefreut und sich eine Begleitung aus dem Katalog einer besonders seriösen Agentur ausgesucht, erzählte er. Die Dame würde ihm Land und Leute näher bringen – und vielleicht … Hier legte er eine bedeutungsschwangere Pause ein, was mich hoffen ließ, dass er dieses Thema nicht weiter erläutern würde.
Genau das war der Augenblick, in dem Alan, meine bessere Hälfte, seine Zeitung hervorkramte und sich dahinter verschanzte. Leider ließ sich Joost nicht bremsen. „Ich liebe die weibliche Gesellschaft. Frauen sind ja so sensibel.“

‚Ach, und es gibt keine sensiblen Frauen in den Niederlanden?’ ,dachte ich, sprach es aber lieber nicht aus. Nun schwärmte der niederländische Joost seit geraumer Zeit von den thailändischen Frauen insgesamt und seiner ausgesuchten Begleitung im Besonderen. Er ging mir damit gehörig auf die Nerven. Ich beschloss mich schlafend zu stellen.

„Coole Taktik, aber ich weiß genau, dass du nicht schläfst“, flüsterte Alan dicht an meinem Ohr. „Pst“, ich linste vorsichtig durch die Wimpern. „Nachher bemerkt der notgeile Holländer das auch.“

Der Zwischenstopp in Bangkok verlief unspektakulär, Joost schien sich ausgesprochen zu haben und wurde ruhiger. Das änderte sich blitzartig, als der Flieger zur Landung in Phuket ansetzte. Der holländische Casanova wurde nervös, fummelte an seinem Sicherheitsgurt herum, veränderte ständig seine Sitzposition. Während ich entnervt die Augen verdrehte, beobachtete Alan unseren aufgeregten Sitznachbarn mit milder Ironie.

„Donnerwetter“, entfuhr es meinem eher gelassenen Ehemann wenig später, denn Joost wurde von einer glutäugigen und vollbusigen thailändischen Schönheit erwartet. Nach der leidenschaftlichen Begrüßung hängte diese sich bei dem Niederländer ein. Das Pärchen steuerte den Taxistand an.
„Sag jetzt lieber nichts und klapp den Mund zu“, warnte ich meine bessere Hälfte vorsichtshalber.

Spät am Abend sah man Joost aus Doetinchem mit seiner bildschönen Thailänderin in inniger Umarmung über die Tanzfläche schweben. Alan musterte das Pärchen kritisch. „Wenn das für unseren Freund nicht zu einem bösen Erwachen führt. Hast du bemerkt, wie groß die Füße seiner Angebeteten sind?“

„Das habe auch gerade gedacht. Das ist mindestens die Größe 42 und sie ist für eine Thailänderin recht groß.“

„Eben, wer weiß, was die Dame sonst noch zu bieten hat …“

In den nächsten Tagen ließ sich Joost nicht blicken. „Sicher ist er mit seiner Zauberfee beschäftigt“, bemerkte Alan trocken, während ich neugierig Ausschau nach dem jungen Glück hielt. Es dauerte ein paar Tage, bis uns Joost, jetzt ohne Begleitung, über den Weg lief. „Du hast dich aber rar gemacht, sicher bist du schwer beschäftigt, was?“, eröffnete Alan das Gespräch.

„Ja was meinst du, was ich renne! Ich bin den ganzen Tag auf der Flucht!“

„Wie meinst du das denn? Hast du ein Eheversprechen gegeben und es nicht eingehalten?“ Joost schaute sich unsicher um. „Lasst uns bitte in die Hotelbar gehen. Ich gebe einen aus.“ Als wir mit Getränken versorgt waren, erzählte Joost seine Leidensgeschichte:
Wie wir gesehen hatten, war er am Ankunftstag von der attraktiven Lulu überschwänglich begrüßt worden. Die thailändische Schönheit gab sich mehr als zuvorkommend, schließlich landete das Pärchen im Hotelzimmer. „Weißt du, ich war so aufgeregt und aufgeladen. Sie zeigte sich sehr zärtlich und einladend, da habe ich nicht lange gefackelt. Sie wollte es von hinten besorgt haben. So eine Nacht habe ich noch nie erlebt! Aber der nächste Morgen …“,
Joost schluckte trocken und nahm einen tiefen Zug aus seinem Whiskyglas.
„Der nächste Morgen?“, half Alan ihm auf die Sprünge.
Wieder schluckte Joost und schüttelte den Kopf. „Tja, also, ich wachte neben ihr auf. Das war toll, sie kuschelte sich dicht an mich. Irgendwas hat gestört. Ich war ja im Halbschlaf und packe ihr instinktiv zwischen die Beine  und da hatte ich das was gestört hat in der Hand.“ Kopfschüttelnd kippte Joost den restlichen Drink hinunter. „Das war ein Kerl, ein Kerl mit Brüsten! Soll man so was glauben! Ich habe ihn sofort rausgeschmissen, aber jetzt lauert er mir an jeder Ecke auf und schmachtet mich an. Es sieht fast so aus, als ob Lulu sich in mich verliebt hätte.“ Ich versuchte einen Lachkrampf zu unterdrücken und bekam prompt einen Hustenanfall, während meine bessere Hälfte über das ganze Gesicht grinste. „Dacht ich’s mir doch. Die Füße waren einfach zu groß.“
Joost schaute entrüstet von einem zum anderen. „Warum sagt mir das denn keiner vorher? Ist das die Nachbarschaftshilfe zwischen Deutschland und Holland?“

„Hättest du denn auf uns gehört?“, keuchte ich, krampfhaft nach Luft ringend. „Du warst so auf die thailändische Schönheit fixiert, dass du nicht klar denken konntest, doch offensichtlich bist du jetzt auf dem Boden der Tatsachen angekommen.“

„Das will ich wohl meinen, noch eine solche Erfahrung verkrafte ich nicht“, sagte Joost entschlossen und orderte einen neuen Whisky.

 

Beim Einchecken für den Rückflug hielt ich eifrig Ausschau nach dem niederländischen Bekannten, denn er hatte sich während des Urlaubs weiterhin rar gemacht. Schließlich entdeckte ich ihn und stieß Alan überrascht an. „Schau bloß mal, Schatz. Dort ist Joost. Ich glaube es nicht, seine männliche Begleiterin hängt an seinem Hals.“

Wirklich verabschiedete sich Lulu leidenschaftlich von ihrem holländischen Liebhaber, der die Hände nicht von ihr/ihm lassen konnte. Während des Zwischenstopps in Bangkok bekamen wir die Gelegenheit uns mit Joost zu unterhalten. „Ja, ich weiß was ihr sagen wollt“, wehrte der jeden Kommentar ab. „Aber Lulu ist so süß, sexy, anschmiegsam und gar kein richtiger Mann. Nachdem ich mich von dem ersten Schock erholt hatte, sind wir uns nahe gekommen. Sie hat mich von ihren Qualitäten überzeugt. Ich werde sie in die Niederlande nachkommen lassen.“ Und verschämt gestand er: „Ich glaube wirklich, dass ich mich in sie verliebt habe.“ Verblüfft schauten wir uns an. „Ja dann kann ich dir und deiner Lulu nur viel Glück wünschen“, meinte Alan schließlich.

Später, als wir aus dem Kopfschütteln heraus waren, grinste meine bessere Hälfte spitzbübisch. „Da sag noch einer, wir Männer wären nicht romantisch.“



Rotweinträume

 

Wie gern wäre ich

wieder am Mont-Martre.

Zusammen mit Dir.

Den Künstlern

auf dem Place du Tertre

über die Schulter schauen.

Oder den singenden Gondolieri

an der Rialto Brücke lauschen,

im wortlosen Einvernehmen.

 

Zwischen orientalischen Düften

 mit Dir

hin zu den Basar Händlern

in Istanbul.

Würde gern an die Copacabana

zu den Samba Königinnen,

nackte Haut,

heiße Rhythmen

erleben.

 

Glastonburry Abbey,

noch einmal Stille spüren,

Ewigkeit erahnen,

Hand in Hand.

Es zieht mich

zu einsamen Stränden,

bretonische Fischer

auf rauer See

von klagenden Möwenschwärmen umgeben.

 

Shanghais bunte Lichter.

Sie blinken nur für uns.

Wunder im Reich der Mitte.

 

Doch am Abend,

wenn die Sonne sich der Nacht überlässt,

möchte ich das allerletzte Glas Rotwein

mit dir ganz allein trinken.

 



Schussfahrt

 

„Ich möchte gern für eine Woche entspannen. Was hältst du davon, in den Skiurlaub zu fahren?“, fragte Alan.

„So, so, entspannen. Aber du kannst dich an unseren Winterurlaub im Zillertal erinnern, nicht wahr? Und auch an meine kurze, aber aufregende Karriere als weltbeste Skifahrerin?“ Alan grinste. „Das Gesicht des Skilehrers, als du ihm die Bretter vor die Füße geknallt hast, werde ich niemals vergessen.“ Die Erinnerung ließ auch mich schmunzeln. „Ich hatte viel Geld für diesen Skikurs bezahlt, da musste ich mich nicht von einem Jungspund niedermachen lassen, weil ich nicht perfekt auf den Brettern stand. Das sollte er mir beibringen.“

„Du hast es ihm klar gemacht“, erwiderte Alan trocken. „Aber du solltest es noch einmal versuchen. Auf dem Feldberg geht es beschaulich zu, dort könntest du in aller Ruhe von vorne anfangen. Vielleicht bekommst du Spaß am Skifahren und wir können zusammen ein paar Touren machen. Nur ganz leichte Pisten.“ Mein Liebster hatte wohl meinen skeptischen Blick bemerkt.

„Na gut, überredet. Aber wenn‘s mit dem Skifahren nicht klappt, dann mache ich es mir gemütlich und du kannst allein fahren.“

 

„Grüß Gott, ich bin Toni“, der Vertrauen erweckende Naturbursche schaute den Neulingen im Anfängerkurs fest und überzeugend in die Augen. „Wir werden ein prima Team sein. Wenn der Kursus zu Ende ist, fahrt ihr wie die Weltmeister.“ Na dann, ich beschloss alles zu geben, denn der Skilehrer war mir wirklich sympathisch.  „Auf geht's“, mit diesen Worten dirigierte uns Toni zum Babylift.

Ich hielt mich tapfer, konnte schon den Schneepflug und stellte mich nicht dämlicher an, als meine Mitstreiter. Toni strahlte Wohlwollen aus, lobte auch die kleinste Kleinigkeit, ließ sich durch nichts erschüttern.

Bis...

Wieder hatte ich die Abfahrt gewagt, ergriff entschlossen das rotierende Seil des Babyliftes, um mich in schwindelerregende Höhen schleppen zu lassen, als das Unglück geschah: Ich blieb mit meinem Fausthandschuh am Seil hängen, kam zu Fall und wurde ein Stück weit mitgeschleift. Verzweifelt versuchte ich mich zu befreien und gleichzeitig meinen Handschuh zu retten. Doch ich hing hoffnungslos fest, rutschte auf dem Po immer näher auf die Zugmaschine des Liftes zu. Toni half mir aus der Misere, indem er mit einem kräftigen Ruck an meinem Arm zog, was die Hand aus dem Handschuh rutschen ließ. Das Teil, immer noch hoffnungslos mit dem Stahlseil des Liftes verpusselt, drehte eine Ehrenrunde und kam in ziemlich lädiertem Zustand wieder an mir vorbeigesegelt. Toni befreite den bedauernswerten Handschuh, drehte ihn hin und her und grinste mich aufmunternd an. „Mädel, deine Handschuhe sind klasse, aber vielleicht könntest du morgen mit einem Paar auflaufen, das sich zum Skifahren eignet?“

„Na, wie war der erste Tag? Lebt der Skilehrer noch oder hat er sich vor lauter Verzweiflung in eine Lawine gestürzt?“ Ich maß meine bessere Hälfte mit einem hochmütigen Blick. „Der Skilehrer, hat mein Talent besonders gelobt. Ich brauche neue Handschuhe, weil meine nicht so gut sind, meint Toni.“ Alan grinste gemein. „Ja, ich habe aus der Ferne gesehen, dass jemand aus deiner Gruppe sich hoffnungslos im Babylift verkeilt hatte. Natürlich nicht du, oder?“ Ich ließ mir die Niederlage nicht anmerken. „Natürlich nicht! Aber damit mir nicht etwas Ähnliches passiert, brauche ich neue Handschuhe.“

 

Heute war unsere sowieso überschaubare Gruppe um die Hälfte geschrumpft, was nichts anderes bedeutete, als dass Linda, eine füllige, immer gut gelaunte Brasilianerin und ich allein vor Toni standen. „Die Anderen haben aufgegeben, aber wir machen weiter“, erklärte er. „Auf geht's! Heute üben wir die richtige Abfahrt.“

Linda sah erst ihn und dann mich fragend an. Offensichtlich hatte sie kein Wort verstanden. Toni erklärte ihr alles noch einmal mit Händen und Füßen, anschließend wandte er sich an mich: „Pass auf: Wir fahren jetzt mit dem Skilift, aber nicht bis ganz oben. An der Hütt`n müsst ihr aussteigen. Du fährst zusammen mit Linda und sagst ihr Bescheid, ich komme nach.“ „An der Hütte?“, fragte ich etwas dümmlich. Wie immer strahlte Toni Optimismus aus. „Ja, nicht bis ganz oben. Du wirst schon sehen. Jetzt hopp, ab in den Lift.“ So hopsten Linda und ich zusammen auf die Vorrichtung, die uns den Berg hinaufziehen sollte. Während ich mich bemühte, die ominöse Hütt‘n zu entdecken, zwitscherte meine Liftpartnerin vergnügt los. Ich hörte mit halbem Ohr zu, verstand Lindas charmantes, aber ziemlich konfuses Deutsch nicht wirklich. Plötzlich erstarrte ich. Neben der Piste stand tatsächlich eine kleine Hütte, doch der vermaledeite Skilift dachte gar nicht daran, das Tempo zu drosseln. Aufgeregt schubste ich Linda an. „Da ist die Hütte! Wir müssen hier aussteigen!“ Dieses Mal schien sie mich verstanden zu haben. Wir stürzten uns todesmutig in den Schnee, während der Skilift munter weiter den Berg hinauf fuhr und die Mitreisenden uns verwundert musterten.

Wenig später stand ein erstaunter Toni neben uns. „Was macht ihr denn? Ich habe doch gesagt, ihr sollt an der Hütt‘n aussteigen.“ Ich deutete entrüstet auf die kleine Hütte. „Ja, was ist das denn da?“ Toni grinste. „Das ist ein Geräteschuppen, ich habe eigentlich das Restaurant oben gemeint. Ist aber nicht so schlimm, wir fahren einfach von hier aus runter.“

Alles in allem wurde es ein schöner Tag, Toni bemühte sich redlich Linda und mir die Grundlagen des Skifahrens beizubringen. An einem besonders steilen Hang, der uns ängstlich zögern ließ, fuhr er, die Hände zu einem Trichter geformt, neben uns her. „Du schaffst es, nur Mut“, dröhnte er, während auf der anderen Seite ein ca. 6-jähriger Junge grinsend an uns vorbeiraste. Am Ende des Tages verabschiedeten wir uns von unserem nur wenig genervten Skilehrer und verabredeten uns für den nächsten Vormittag, um die neu erworbenen Kenntnisse zu vertiefen.

 

„Grüß Gott.“ Toni schien sich über Nacht regeneriert zu haben, was ich für mich nicht sagen konnte. Ein tierischer Muskelkater zwickte an Stellen, an denen ich gar keine Muskeln vermutet hatte. Linda schien es ähnlich zu gehen, denn sie ließ sich an diesem Morgen nicht blicken. „Wollen wir?“, aufmunternd schaute der Skilehrer mich an und wies in Richtung Lift. „Aber nicht wieder am Geräteschuppen abspringen!“

An der richtigen Hütt‘n angekommen ging es direkt auf die Piste. "Verlass dich ganz auf dein Gefühl", rief mir Toni zu und grinste optimistisch. "Du kannst es, wenn du nur willst", fügte er nach einem kurzen Zögern hinzu. Ja nun, wenn der Skilehrer so sehr an mich glaubte, so würde ich mich beherzt an die Abfahrt machen. Ich stieß mich entschlossen ab und kam sofort ins Rutschen, erst langsam, dann immer schneller. Das war gar nicht so schwierig. Ich fühlte mich reif für die Streif und ließ den wild gestikulierenden Toni mühelos hinter mir zurück. Mit jedem gefahrenen Meter nahm ich mehr Speed auf. Nach und nach machte sich ein mulmiges Gefühl breit, denn so schnell wollte ich auch wieder nicht abwärts fahren. Um etwas langsamer zu werden, versuchte ich, die unendliche Male geübten, weiten Bögen zu fahren, was mir trotz aller Mühe nicht gelang. Meine Beine schienen ein Eigenleben zu führen, sie widersetzten sich allen Befehlen des Gehirns. "Pflugbogen", hörte ich Toni hinter mir brüllen, wagte es jedoch nicht, über die Schulter zu gucken. Was meinte er denn jetzt damit? Vielleicht einen Schneepflug? 'Der ist ja lustig', schoss es mir durch den Kopf. Wenn ich die Skier schon nicht in Position für einen Bogen bekam, wie sollte ich sie quer zu einander stellen, um abzubremsen? Ein Blick voraus ließ mich erstarren, was die Skier nicht dran hinderte, weiter mit mir bergab zu sausen. Voraus, mitten auf der Piste, ragten groß und rammbockartig einige Tannen auf.

In lebensbedrohlichen Situationen sieht man sein gesamtes Leben an sich vorbeiziehen, jedenfalls hatte ich das öfter gehört. Jetzt war ein solcher Moment gekommen. Die Zeit verlangsamte sich, alles schien in Zeitlupe zu geschehen. Ich sauste weiter auf das dunkle, gewaltige Ausmaße annehmende Bollwerk zu, hielt mich zwar aufrecht, war jedoch nicht mehr Frau meiner Gliedmaßen. Doch statt eine liebliche Stimme zu hören, die verlockend 'Angie, komm ins Licht' rief, sah ich mich lediglich, alle Viere von mir gestreckt, an dem dicken, schwarzen Stamm einer der Tannen kleben. In letzter Sekunde erwachte mein Schutzengel aus seiner kältebedingten Lethargie, setzte mein körpereigenes ABS in Gang, was mich auf den Allerwertesten plumpsen ließ. Ich schlitterte noch eine Weile weiter, um in einer ziemlich feuchten Schneewehe zu landen. Als ich wieder einigermaßen sehen konnte, stand Toni mit zuckenden Mundwinkeln neben mir. „Donnerwetter“, sagte er. „Du hast zwar wenig Talent zum Skifahren, aber wenigstens bist du völlig angstfrei.“

„Sag mal, Schnucky, heute Vormittag gab es ein mittelschweres Erdbeben auf der Piste und ein Kugelblitz ist in einer riesigen Schneewolke an mir vorbei gedonnert! Kann es sein, dass du etwas damit zu tun hast?“ Auch Alans Mundwinkel zuckten verdächtig. Ich lächelte ihn zuckersüß an. „Toni, der nette Skilehrer, hat meine Unerschrockenheit sehr gelobt. Doch er meint, ich solle aus Rücksicht auf mich und meine Umwelt lieber mal mit dem Skilanglauf beginnen ...“


 


Whisky Cola

 

1975 - was für ein Jahr: Der Vietnamkrieg endete mit der Einnahme Saigons. Bill Gates gründete die Firma Microsoft. Für die Zeugen Jehovas bedeutete diese Jahreszahl den Untergang der Welt. Nicht weil 1975 zum Internationalen Jahr der Frau erklärt wurde, viel mehr zählte man nach ihren Berechnungen 6000 Erdenjahre und somit das Ende aller Zeiten. In China brachen 61 Staudämme und die Insel Hawaii wurde von einer 15 Meter hohen Flutwelle überrollt. Die Volljährigkeit ab 18 trat am 1.Januar in Kraft und die Opec erhöhte die Ölpreise um 10 %. Charly Chaplin wurde zum Ritter geschlagen. Die Sex Pistols traten zum ersten Mal auf und die Metal Band Iron Maiden wurde gegründet.

Der Mann von Welt benutzte das unglaublich intensiv duftenden ‚Brut‘ After Shave und trank Weinbrand- oder Whisky - Cola.

 

Ich war gerade einmal 21 Jahre alt, stolzer Besitzer eines alten Mercedes 200 und natürlich fuhr ich kein Dieselfahrzeug, sondern einen Benziner. Mit diesem Prachtschlitten verbrachte ich meinen ersten richtigen Urlaub mit meiner ersten richtigen Freundin in Schottland. Zwar war unsere Finanzlage alles andere als rosig, doch das störte uns wenig. Wir suchten jeden Tag aufs Neue das günstigste B&B Angebot, was damals nichts anderes hieß, als nach den entsprechenden Schildern Ausschau zu halten um Unterkunft und Preis zu erfragen. Eine so segensreiche Einrichtung wie die ‚Tourist Information‘ gab es leider noch nicht. Auch den Eintritt ins Edinburgh Castle konnten wir uns nicht leisten, doch das tat unserer Begeisterung keinen Abbruch. Wir schauten uns die Burg soweit möglich von außen an und fanden das richtig cool. Unsere erste Übernachtung hatten wir nahe Edinburgh. Beim Frühstück nuschelte die Zimmerwirtin in ihren nicht vorhandenen Bart. Weder meine Freundin noch ich verstanden ein Wort. „Do you like grapefruit or orangejuice?“, fragte sie uns so langsam, als würde sie mit einem Kleinkind sprechen. „I‘d like to have coffee, please“, war meine Antwort. Warum die Person sich grinsend entfernte, konnte ich nicht ahnen.

Von Edinburgh ging es weiter in Richtung Inverness.

„Schau bloß mal, ich glaube der Mann hat eine Panne oder ihm ist das Benzin ausgegangen.“ Meine Freundin deutete auf einen Schotten, der mit einem Kanister bewaffnet am Straßenrand stand und uns verzweifelt zuwinkte. Nachdem ich angehalten hatte, riss er eine Tür auf und ließ sich auf den Rücksitz plumpsen. „Kein Benzin mehr?“, fragte ich. Die Antwort war ein Schwall unverständlicher Laute, den ich keiner mir bekannten Sprache zuordnen konnte und der sich beim besten Willen nicht stoppen ließen. Wir tauschten einen hilflosen Blick. Während ich mich bemühte eine Tankstelle zu finden, redete der Mann unentwegt weiter. Das abrupte Schweigen und der anschließende gurgelnde Laut auf dem Rücksitz veranlasste mich vor lauter Schreck zu einer Vollbremsung. Ich drehte mich verärgert um. Der Schotte saß kerzengerade in seinem Sitz, der Mund stand sperrangelweit auf, während er verblüfft das Armaturenbrett musterte. „Du hast das Steuer ja auf der falschen Seite“, stammelte er in reinstem Hochenglisch.

„Ja klar, wir kommen auch aus Deutschland.“

Während wir die nächste Tankstelle ansteuerten, führten wir eine nette Unterhaltung, wobei sich unser Mitfahrer sprachtechnisch alle Mühe gab und wir ihn tatsächlich prima verstanden. „Wenn ihr eine günstige und gute Unterkunft haben wollt, so versucht es doch mal im ‚Old Lion‘ in Carrbridge. Das ist nicht weit von Inverness entfernt. Der Pub gehört meinem Cousin und wenn ihr ihm schöne Grüße von mir ausrichtet, dann macht er euch einen Sonderpreis.“

Das ‚Old Lion‘ erwies sich als uriger kleiner Pub mit einem ebenso originellen wie freundlichen Wirt, der uns tatsächlich einen Cousinrabatt gewährte. Während sich meine Freundin für das Abendessen zurecht machte, ging ich schon in den Schankraum um mir einen Drink zu genehmigen. Wie oben erwähnt trank ich, als Mann von Welt, gewöhnlich ein Gemisch aus Weinbrand und Cola. Doch hier, im Mutterland des Whiskys, konnte ich dieses Getränk unmöglich bestellen und so orderte ich „einen Whisky Cola“. Der Barkeeper musterte mich stumm von oben bis unten.

„Einen Whisky Cola“, versuchte ich erneut mein Glück und wieder traf mich ein unverständlicher Blick. Wie der Blitz erkannte ich: hier sagte man ja gar nicht Cola, sondern Coke. „Eine Coke mit Whisky, bitte.“

Der Barkeeper schien verstanden zu haben, denn er wies mit dem Daumen hinter sich auf eine Flaschenbatterie. Hier reihten sich unüberschaubar viele Whiskyflaschen aneinander. „Ich nehme Johnny Walker.“ Das war die einzige Sorte die ich auf die Schnelle anhand der Flasche erkennen konnte. Der Barkeeper angelte sich achselzuckend die entsprechende, ziemlich verstaubte Flasche und maß einen mindestens doppelten Whisky ab. Anschließend füllte er ein Glas mit Cola und stellte beides vor mir auf dem Tresen ab.

Zweifelnd musterte ich meine Drinks, der Mann hatte mich wohl immer noch nicht richtig verstanden. Das Colaglas war britisch randvoll und so trank ich zunächst einige Schlucke ab, um den Whisky in das nun halb leere Glas zu füllen. Der Keeper hatte bewegungslos und mit verschränkten Armen am Tresen gelehnt, schien sich irgendwo im Nirvana zu befinden, doch jetzt kam Bewegung in den Menschen. Er stürzte auf mich zu, riss mir beide Gläser aus der Hand, sodass sich der Inhalt über den ganzen Tresen verteilte, und brüllte: „Not in my pub!“

Während ich ihn verblüfft anstarrte erklärte er mir folgendes: „Junger Mann, du kannst trinken was du willst, sogar diesen“, er machte eine Pause, schüttelte sich, „sogar diesen Johnny Walker und von mir aus auch Cola. Doch du wirst in diesem Pub nichts in den Whisky schütten.“ Er griff hinter sich, nahm eine Flasche aus dem Regal und schüttete mir fast liebevoll einen neuen Drink ein. „Das ist jetzt ein Single Mail“, erklärte er. „Dieses Göttergetränk nimmst du pur. Es sollte Raumtemperatur haben und nicht durch Eis oder Wasser verpanscht sein, alles andere ist eine Majestätsbeleidigung.“

Ich probierte zögernd, ließ das leicht torfige Aroma über die Zunge gleiten. Das war ein ganz anderer Geschmack, aber, my goodness, er war gut. Ich nickte anerkennend, was mir ein kräftiges Schulterklopfen von Seiten des Barkeepers einbrachte.

Beim anschließenden Essen mit meiner Freundin grinste mich mein neuer Freund immer wieder an. „Was hat er bloß, steht der auf dich?“, fragte sie schließlich konsterniert. „Ach was, wir haben vorhin festgestellt, dass wir beide die gleichen Trinkgewohnheiten haben!“

 

Das ist schon eine ganze Weile her. Ich habe inzwischen einige Reisen unternommen und Schottland noch viele Male besucht, doch diese Urlaub wird immer etwas ganz besonderes für mich bleiben. Übrigens habe ich meinen Whisky nie wieder mit einer anderen Flüssigkeit vermischt...





Von Ziegen und Jungfrauen

 

Ägina, die Pistazieninsel, liegt im Saronischen Golf. Sie ist ein beliebtes Urlaubsziel für erholungsbedürftige Festlandsgriechen. Doch so geschäftig es in der Hauptsaison ist, so beschaulich gibt sich die Insel außerhalb der Saison. Es kehrt Ruhe ein, das ländliche Leben beherrscht die Insel. Jetzt sind ausgedehnte Spaziergänge durch die zahlreichen Olivenhaine zu empfehlen. Hauptausflugsziel ist der Ahpaia Tempel, von dem aus man einen weiten Blick über den Saronischen Golf hat.

 

„Hallo, die Erde hat mich wieder. Die Wochen auf Aegina waren traumhaft“, schrieb meine Freundin euphorisch in ihrer E-Mail. Ein Blick aus dem Fenster reichte, um mich zu frustrieren. Obwohl jetzt Hochsommer sein sollte, zeigte sich das Wetter von seiner schlechtesten Seite. Düstere Regenwolken verbargen die Sonne, erstickten jedes Sommergefühl im Keim. Das ging schon seit ein paar Wochen so. Deprimiert las ich weiter: „Die Sonne leuchtet dort besonders hell und die Farben sind irgendwie intensiver. Die kleine Pension, in die ich schon seit Jahren fahre, ist total knuffig und die Pensionswirtin eine ausgesprochen nette Person. Renate ist aus Österreich und der Liebe wegen nach Griechenland gegangen.“ So ging es noch eine ganze Weile weiter. Beim Lesen der E-Mail kam mir ein Gedanke. Ich hatte das kleine, charmante, mitten im Saronischen Golf liegende Eiland vor fast dreißig Jahren besucht und war total fasziniert gewesen. Damals beschloss ich die Insel bald noch einmal zu besuchen. Leider hatte ich diesen Vorsatz niemals in die Tat umgesetzt. Warum also nicht jetzt? Schließlich hatte ich in diesem Monat Geburtstag und somit einen Wunsch frei Sobald der Entschluss einmal gefasst war, ging alles wie von selbst. Wie sich herausstellte, vermietete die österreichische Renate Apartments und hatte passend zu meinem Geburtstag noch eine Wohnung frei.

 

Das seltsam schnarrende Geräusch der Zikaden weckte mich auf. Verschlafen blinzelte ich zu Alan herüber, aber der ließ sich nicht stören, murmelte „verflixte Macker“, drehte sich auf die andere Seite und schnarchte weiter. Ich reckte mich zunächst erst einmal ausgiebig und ließ den gestrigen Tag Revue passieren. Es war alle reibungslos über die Bühne gegangen. Zwar landete der Flieger mit Verspätung in Athen, trotzdem erreichten wir den Hafen von Piräus passend für die letzte Fähre in Richtung Aegina, wo uns die Vermieterin bereits erwartete um uns in unser Feriendomizil, eine hübsche Miniwohnung, zu bringen.

Rundum zufrieden machten wir uns auf den Weg, um ein spätes Dinner einzunehmen. Auch hier gab es eine angenehme Überraschung: Das von Renate empfohlene Restaurant mit dem typisch griechischen Namen ‚Big Banana‘ erwies sich als gut und günstig; der Wirt als freundlich und zuvorkommend. Nach dem Essen lehnte sich meine bessere Hälfte zufrieden zurück. „Was hältst du von einem Absacker?“, sprach`s und orderte zwei Ouzo. Ich traute meinen Augen nicht, als der Wirt mit zwei halb vollen Wassergläsern um die Ecke segelte. „Die werdet ihr brauchen“, meinte er lakonisch und stellte eine Flasche Wasser dazu. Ungläubig schaute ich mir den Mega-Drink an. „Das ist kein Ab-, sondern ein Versacker und ich kann unmöglich alles austrinken, sonst musst du mich ins Apartment tragen.“ Alan gab sich unbeeindruckt. „Das wäre nicht wirklich ein Problem, aber ich will mich opfern und dir den Morgen danach ersparen.“ Mit diesen Worten kippte das Opferlamm einen guten Teil des  Inhalts meines Glases um und hatte nun ein randvolles Wasserglas mit Ouzo, den er nach und nach tapfer vernichtete.

Doch jetzt lachte die Sonne und lärmten die Zikaden. „Was meinst du mit verflixte Macker?“, bat ich meinen Helden um Aufklärung und stupste ihn wach. Alan gähnte herzhaft, bevor er antwortete. „Na ja, den Krach machen die Männchen. Wer am Lautesten zirpt bekommt das dickste Weibchen. Bei denen hat sich noch nicht ´rumgesprochen, dass nur die inneren Werte zählen.“ Ich stupste energischer. „Bei uns Menschen ist das anders: Wer ohne zu zirpen oder zu murren Brötchen besorgt hat gewonnen.“ Alan grinste: „Das brauche ich nicht, ich hab ja schon das dickste Weibchen.“ Es ist erstaunlich, wie schnell ein Mann werden kann, wenn ihm ein Schuh hinterher fliegt!

 

„Alan, was machst du? Immer rennst du morgens herum“, Stavros, Renates rundlicher Mann grinste über das ganze Gesicht. Er war, wie immer, gut gelaunt. Alan pustete, denn die Temperaturen waren schon am Morgen beachtlich. Er zeigte auf die Tragetaschen, mit denen er sich abschleppte. „Meine Frau schickt mich morgens immer zur Jagd, während sie die Höhle fegt.“

„Und was jagst du so?“

Ein Blick in die Tüten: „Brötchen, Käse, Weintrauben …“

Stavros klatschte sich gegen den Trommelbauch. „Griechische Männer schicken ihre Frauen auf die Jagd und sind trotzdem in Form.“

Nach dem Frühstück bummelten wir durch unseren Urlaubsort. Das Städtchen Aghia Marina ist zwar überschaubar, aber es gibt alles, was das Herz begehrt. Ein feinkörniger Sandstrand lädt mit seinen Liegen und Sonnenschirmen zum Faulenzen und das glasklare Wasser zum Schwimmen ein. In den zahlreichen Souvenirläden gibt es neben der typisch griechischen Keramik und den auf der Insel geernteten Pistazien alles, was ein Touristenherz höher schlagen lässt und sich zu Hause, als ein Stehrümchen entpuppt. Für eine Pause nach dem Extremshopping gibt es jede Menge gemütlicher Restaurants, Bars und Cafés. Jetzt, im August waren es in der Mehrzahl Festlandsgriechen, die hier ihren Urlaub verbrachten, sich aber nicht wirklich von ausländischen Touristen unterschieden. Auch sie schlenderten von Laden zu Laden, kramten in den Auslagen und diskutierten lautstark mit den Verkäufern. Nach dem Kauf der obligatorischen Postkarten und Mitbringsel (siehe oben) ließ sich mein erschöpfter Gatte auf den Sessel in einem Straßencafé fallen. „Weiber – immer müsst ihr überall herumkramen und alles angucken. Jetzt brauche ich etwas Kaltes zu trinken, ich bin schon ganz ausgetrocknet.“ Während wir an unseren Getränken nippten, musizierten sich ein paar Straßenmusikanten von Tisch zu Tisch und brachten das ‚Mädchen von Piräus’ zu Gehör. Alan warf eine Münze in den Sammelbecher und streckte die Beine aus. „Wenn das ein typischer Griechenlandurlaub ist, so hätte ich nichts dagegen, ihn im nächsten Jahr zu wiederholen.“ Unwillkürlich musste ich lachen. „Und bestimmt ist das Mädchen von Piräus auch wieder dabei. Aber jetzt hoch mit dir. Wir wollen schließlich den Jeep mieten.“

 

Der Duft von frisch gebrühtem Kaffee weckte mich auf, ich öffnete verschlafen die Augen. Alan hielt eine Tasse Kaffee in der Hand und wedelte mir das Aroma zu. „Guten Morgen, Geburtstagskind.“ Richtig, heute war mein X-ter Geburtstag. Mein Liebster zwinkerte mir zu und zauberte wie aus dem Nichts ein Körbchen mit Blumen und ein Päckchen hervor, was mich verblüffte. „Wo hast du das bloß her? Hier im Ort ist doch gar kein Blumenhändler. Wieder zwinkerte Alan. „Ich muss zugeben unsere Zimmerwirtin bemüht zu haben. Aber jetzt pack erst einmal dein Geschenk aus, dann hole ich den Jeep ab und wir machen unsere Inselrundfahrt.“ Im selben Moment klopfte es an der Wohnungstür. Renate stand auf der Schwelle und präsentierte eine Geburtstagstorte. „Alles Gute zum Geburtstag. Du sollst doppelt so alt werden, wie du schon bist – das sagt man bei uns so“, fügte sie hinzu. Ehe ich mich von meiner Sprachlosigkeit erholt hatte, war die handfeste Österreicherin schon wieder unterwegs, Alan schloss sich ihr an, um den Mietwagen abzuholen.

 

„Es ist unglaublich, genau so habe ich den Tempel in Erinnerung!“ Wirklich hatte ich die Tempelanlage und das Heiligtum der Aphaia so in Erinnerung behalten, wie es sich uns jetzt präsentierte. „Ein erster Tempel existiert seit dem 6. Jahrhundert v.Chr. und die Legende ist total schön: Aphaia, eine Tochter des Zeus erweckte das Interesse des Minos, des Königs von Kreta. Nun er wollte, sie nicht und um ihre Jungfräulichkeit zu bewahren, floh sie auf einem Fischerboot nach Aegina.“

Alan hörte mir mäßig interessiert zu. „Und sie ist bestimmt Jungfrau geblieben, was? Jetzt weiß ich auch, warum Aegina die Ziegeninsel heißt.“ Männer! Ich wandte mich ab um die atemberaubende Aussicht auf den Sardonischen Golf zu genießen, der heute glatt wie ein Spiegel war. Von hier konnte man sogar die Meerenge von Salamis sehen.

Fast meinte ich die riesige persische Flotte zu erblicken. Ihr gegenüber die griechischen Trieren mit dem Rücken zur Wand, um alles oder nichts kämpfend. Verzweifelt versuchend, den übermächtigen Feind tiefer in die Meerenge zu locken, um so den Vorteil der kleineren, wendigeren Schiffe auszunutzen. Ein Kampf David gegen Goliath, den einmal mehr der vermeintlich Unterlegene gewann. Fast konnte ich den Schlachtenlärm hören, den fassungslosen Perserkönig Xerxes sehen, der vom Ufer aus die Vernichtung seiner Flotte mit ansehen musste...

„Bei so viel Wasser bekomme ich Durst, lass uns in der kleinen Taverne einkehren, die es hier gibt.“ Männer sind pragmatisch und Alan ist ein typisches Exemplar der Gattung. Mit einem Ruck brachte er mich in die Wirklichkeit zurück. Statt des Schlachtenlärmes hörte ich wieder das allgegenwärtige Zirpen der Zikaden, das Wasser des Sardonischen Golfes glänzte weiterhin spiegelglatt in der Sonne, kein Schlachtschiff durchpflügte es.

Nach der Tempelbesichtigung und dem Kaltgetränk stürzten wir uns in das Gewimmel von Aegina-Stadt. Im Hafen reiht sich ein Straßencafé und Restaurant an das andere. Ein paar Schritte weiter gibt es ein Gewirr von engen Gassen, in denen die verschiedensten Waren feilgeboten werden. Hier stehen Eimer und Besen auf dem Bürgersteig, daneben hat ein Silberschmied seine Werkstatt. Dort gibt es Andenkenläden und gegenüber hängen Schaf und Huhn kopfüber im Schaufenster einer Metzgerei. Auch hier wimmelte es von kauflustigen, meist einheimischen Touristen. Wir ließen uns eine Weile treiben. Schließlich japste Alan: „Ich sehe es schon kommen: In diesem Urlaub werde ich mehr Wasser als Bier trinken. So weit ist es schon mit mir gekommen.“ Jetzt, um die Mittagszeit, war es unglaublich heiß und so gönnten wir uns eine ausgedehnte Mittagsrast mit einem anschließenden Nickerchen unter Pinien am Strand.

„Los jetzt, Faulpelz! Wir müssen noch den höchsten Punkt der Insel erobern!“

„Ja, ja … bestimm du nur …“, murmelte Alan in seinen Bart, fügte sich aber und rappelte sich auf. Der Weg ging auf einer schmalen, sich in heftigen Kurven windenden Straße quer über die Insel zur höchsten Stelle.

Der Berg Oros, 531 Meter über dem Meeresspiegel, entpuppt sich als eine steinig karge Erhebung. Im Örtchen Anitsevu hört die befestigte Straße plötzlich auf. Es geht in einen steilen, schmalen Feldweg, in den Alan mit einem kühnen Schwung einbog. Mir kamen Zweifel an der Befahrbarkeit dieses Weges. „Alan, meinst du wir können da hochfahren? Ich glaube Stavros erwähnte, dass der Gipfel nur zu Fuß erreichbar ist.“ Meine bessere Hälfte bremste abrupt. „Du kannst alles mit mir machen, aber ich werde diesen Berg bei der Hitze nicht zu Fuß besteigen. Soll ich in der nächsten Taverne auf dich warten oder gleich zurückfahren?“

„Hm“, abschätzend schaute ich zum Gipfel. „Jetzt wo du es sagst. Es ist wirklich zu heiß fürs Moutaineering!“

So wendete Alan den Jeep und wir genossen das atemberaubende Panorama auf der Weiterfahrt nach Portes. Der Hafen dieses schmucken, kleinen Städtchens lud geradezu zum Verweilen ein. Wir setzten uns auf die Terrasse eines Cafés und schauten den Booten beim Ein- und Auslaufen zu.

„Weißt du was, jetzt fahren wir einfach an der Küste entlang und suchen uns eine nette Badebucht. Nach dem Dinner lassen wir den Tag mit einem guten Glas Wein ausklingen. Wie klingt das?“

Versonnen schaute Alan einer weißen Segeljacht hinterher. „Das klingt gut, aber darf es auch der Champagner sein, den ich im Apartment kaltgestellt habe?“

 

Nun saßen wir auf der Fähre, die uns zurück nach Piräus brachte. Die letzte Nacht wollten wir dort, direkt am Hafen verbringen. Wir hatten mit Bedauern Abschied von Renate und ihrem Mann genommen und waren mit dem festen Vorsatz die Ziegeninsel wieder zu besuchen auf die Fähre gegangen. „Das ist doch klar, ich komme wieder und bringe meine eigene Ziege mit“, meinte Alan zu Stavros Erheiterung.

„Na ja, eine Jungfrau wäre auch schlecht, wo solltest du die herkriegen, in deinem Alter?“, fügte ich boshaft hinzu. Meine bessere Hälfte grinste, sagte aber nichts.

Nach der relativen Beschaulichkeit und Ruhe auf der kleinen Insel kam mir Piräus schrill, laut und schmutzig vor. Im Hotelzimmer angekommen ließ ich mich auf das Bett plumpsen, das mit einem lauten Quietschen protestierte. Ich legte mich vorsichtig zurück. „Ich glaube das Hotel gehört einem Inder, das hier ist keine Matratze, sondern ein Nagelbrett!“ Alans gute Laune war nicht zu erschüttern. „Es ist ja nur für diese Nacht. Wenigstens gibt es eine funktionierende Klimaanlage und einen kleinen Balkon. Los, jetzt werden wir uns den Hafen anschauen und etwas essen.“

Der immerhin drittgrößte Mittelmeerhafen entpuppte sich als wenig attraktiv, sodass wir den Abend damit ausklingen ließen, dass wir uns auf unseren kleinen Schwalbennest-Balkon setzten und zuzuschauen, wie sich die Dunkelheit über den Hafen legte und selbst die heruntergekommenen Fassaden der Häuser um uns herum einen gewissen Charme bekamen.

 

Die Sterne funkelten, selbst an diesem lauten Allerweltsort war etwas vom Zauber des antiken Hellas zu erahnen, und wenn die Götter auch nicht in das ‚Homerische Gelächter’ ausgebrochen sind, so haben sie uns doch zugelächelt …




Fernweh

 

CostaRica, Canada,
O wie schön ist Panama!
Niagara, Hudson Bay,
Leben a la Hemingway?

 

Riviera, Adria,
bella in Italia!
Espania lockt mit Kastagnetten.
Doch gibt's dort Burgen für die Betten!

 

Wie lebt denn Gott in Frankreich nur?
Macht er vielleicht ne Rhone Tour?
Lässt Rotwein dort in Strömen fließen,
kann die Unsterblichkeit genießen?

 

Wie voll wohl tausend Russen sind?
Die Antwort weiß doch jedes Kind!
Sie sind voll Seele und Gemüt
ein Schelm, wer anderes denken tut!

 

Warum ist es am Rhein so schön?
Wer will zu Fuss nach Kölle gehn?
Die blaue Donau lädt uns ein
ne Kreuzfahrt wäre wirklich fein!

 

Das Fernweh lockt, es lässt dich träumen,
von duftenden Lavendelbäumen,
von lauen Nächten, Mondenschein,
und richtig glücklich nur zu sein.

 

Der Wind, er streichelt leicht und sacht,
hat sanfte Kühlung dir gebracht.
Der Liebste nimmt dich in den Arm
du bist verzückt von seinem Charme.

 

Und denkst: Egal, wo ich auch bin,
der Urlaub macht mit dir erst Sinn!
Verreisen, das ist doppelt schön,
kann man die Welt gemeinsam sehen!

 



Weiter Kurzgeschichten rund ums das Verreisen findest du in meinem Buch

"Insel über dem Wind"