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Wovon träumst du?

 

In den schottischen Highlands war einmal ein Fels, größer als seine Brüder, doch gehörte er zu ihnen. Gemeinsam trotzten sie dem tobenden Sturm, dem peitschenden Regen und auch der klirrende Frost konnte ihnen nichts anhaben.

Eines Tages trug der freundliche Westwind ein Samenkorn zu ihnen. Es fiel in eine kleine Spalte des großen Felsbrockens. und es wuchs eine Pflanze daraus. Klein zunächst und kümmerlich, denn der Fels wollte sie nicht nähren. „Was tust du hier“, grollte er.

„Oh, ich wachse und du hilfst mir dabei“, wisperte die Pflanze.

„Ich kann dir nicht helfen, denn ich bin ein harter Fels. Geh lieber weg.“

„Aber du bist stark, gibst mir Schutz und Nahrung, wenn du nur willst. Ich will bei dir bleiben“, antwortete die Pflanze und schmiegte sich haltsuchend an. Darauf wusste der Fels keine Antwort, denn noch nie hatte ihn jemand um so etwas gebeten. So duldete er die Pflanze.
Sie wuchs heran, bekam die ersten Knospen, blühte auf. Der Fels bot ihr Schutz, nährte sie.

„Es ist schön hier bei dir“, flüsterte sie eines Tages.

„Ich bin rau und schroff, niemand findet mich schön“, war die Antwort des Felsens, doch insgeheim freute er sich über die Pflanze, schmückte sie ihn doch mit ihren Blüten, machte ihn durch ihre Aufmerksamkeit einmalig.

„Wovon träumst du“, fragte sie ihn einmal.

„Ich weiß nicht“, antwortete er. „Wovon träumst du?“

Die Pflanze lächelte ihn an. „Irgendwann werden wir beide Staub sein und mit dem Wind überall hin fliegen können.“

Da begann er sie zu lieben.

 

“Diese Geschichte kenne ich nicht”, sagst du.

Ich muss lächeln. “Doch, denn es ist

unsere.”