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Wir sehen uns

Sie schaute sich wütend in dem tristen Gang um. Dieses Krankenhaus entsprach wirklich allen Klischees, die sie sich denken konnte. Es war alt, fast baufällig, düster und deprimierend und es roch muffig, irgendwie nach Krankheit. „Muss das wirklich sein! Hätte er sich nicht für eine andere Klinik entscheiden können?“, murmelte sie vor sich hin. Doch eigentlich wusste sie ganz genau, dass es völlig egal war, in welchem Krankenhaus er sich befand. Er würde sterben.

Sie hatte die Wahrheit lange verdrängt, hatte immer noch gehofft, nicht geglaubt, was so offensichtlich war. Die Diagnose war schon lange bekannt: Krebs, in seiner bösartigsten Form. Er hatte einen langen Leidensweg hinter sich. Operationen, Chemotherapien, das ganze Programm. Doch bewahrte er während all der Jahre seine Lebensfreude, die Liebe zum Leben und zu seinen Mitmenschen. Versuchte ein einigermaßen normales Leben zu führen.
Dann kam das endgültige Urteil mit einem Donnerschlag. Er sagte es mit seinen Worten: „Tja, die wollen mich in der Uni Klinik nicht mehr sehen. Sie meinen, dass bei mir sowieso nix mehr zu retten ist. Was soll‘s, dann habe ich mehr Zeit für Frau und Kinder“, sagte es leise, mit seinem schiefen Lächeln, das in einem Mundwinkel saß und das sie so gut kannte.
Bis vor einiger Zeit hatte sie gebetet. „Lieber Gott, lass ihn wieder gesund werden!“, nun begann sie zu betteln. „Lieber Gott, bitte lass ihn nicht mehr so leiden. Gib ihm Ruhe und Frieden.“ Doch Gott schien keine Sprechstunde zu haben.
Es dauerte nicht mehr lange bis zu dem gefürchteten Anruf. Peter war dieses Mal in einem kleinen Vorstadtkrankenhaus, nicht weit von seiner Wohnung entfernt. Er hatte noch einmal eine Chemotherapie angefangen, doch die war erfolglos abgebrochen worden.

„Verdammt, sei nicht so feige!“, sie straffte unwillkürlich die Schultern, setzte ein mühsames Lächeln auf und öffnete die Zimmertür. Er saß im Bett am Fenster, blickte ihr erstaunt entgegen. „Mit dir habe ich überhaupt nicht gerechnet.“
„Da kannst du mal sehen, Bruderherz. Ich bin immer für eine Überraschung gut.“ Sofort war das vertraute Gefühl da. Die Geschwister hatten sich fast immer ohne Worte verstanden. Oft genügte ein Blick, ein Lächeln, um zu wissen, was der Andere dachte.
Sie setzte sich auf die Bettkante. „… ich war gerade hier in der Ecke, da habe ich gedacht: besuch‘ste mal deinen doofen großen Bruder.“
Er schubste sie sanft. „Erst mal runter vom Bett, du Ziege. Setz dich gefälligst auf den Stuhl hier neben dem Bett, wie sich das gehört. Find ich klasse, dass du hier bist.“ Abrupt beendete er den Satz, griff neben sich nach dem bereitgestellten Eimer.
„Tut mir leid, aber es geht nix mehr. Sie füttern mich durch eine Magensonde und es kommt alles oben wieder raus“, erklärte er, nach Luft ringend.
Sie strich ihm sanft über den Rücken. „Ist ja schon gut.“ Sie konnte sich selbst nicht verstehen, war sonst so nah am Wasser gebaut. Jetzt war sie innerlich wie erstarrt, hielt ihn fest, half ihm, bis der Anfall überstanden war.
Sie blieben lange Zeit still nebeneinandersitzen, hielten sich an den Händen, wussten beide, dass dies der Abschied war.
„Ich möchte dich nicht mehr sehen“, er entzog ihr sanft seine Hände, schaute sie erst an. „Bitte besuche mich nicht mehr, denn ich möchte, dass du mich in Erinnerung behältst, solange ich noch das letzte bisschen Würde habe.“ Sie öffnete den Mund, wollte protestieren, doch er kam ihr zuvor. „Pass mal auf, du Ziege, du wirst zum letzten Mal auf deinen großen Bruder hören. Also hau jetzt ab und lass dich nicht mehr blicken.“
Wortlos stand sie auf, fühlte sich immer noch ganz kalt und eisig. Sie würde später trauern und all den Kummer aus sich herausweinen, wissen, dass er ihr immer fehlen würde. Dass der Schmerz sich mit der Zeit mildern, aber nicht vergehen würde. Phantomschmerzen, wie nach einer Amputation.
Die Türklinke schon in der Hand drehte sie sich noch einmal um. „Ich hab‘ dich lieb“, sagte sie leise. „Bis denne, wir sehen uns.“